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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Tragische Männerliebe auf Rosenblütenteppich

19.11.2018

Oldenburg Wie unfrei Gedanken sind. Wie Träume an der Kette liegen. Selbst Gefühle haben immer eine Hand im Nacken: „das man“. So was tut man nicht, so denkt man, liebt man nicht – eine Stimme, die niemandem gehört und doch in jedem spricht, laut und derart machtvoll, dass sie Leben zerstört. Davon handelt das Stück „Russian Boy“ des russischen Dramatikers Dimitrij Sokolov (Jahrgang 1984), das, von Elina Finkel übersetzt und inszeniert, am Samstagabend in der Exerzierhalle des Oldenburgischen Staatstheaters uraufgeführt wurde.

Artjom, ein junger Mann aus der Provinz (Fabian Kulp), vaterlos aufgewachsen, schafft den Sprung nach Moskau, wo er die Schauspielschule besucht und nachts in einer Sauna für Homosexuelle jobbt. Ljudmilla, seine Mutter (Helen Wendt), bleibt im Dorf zurück, hadert mit ihrem Sohn, weil er anders ist als die anderen, keinen bodenständigen Beruf ausübt, keine Familie gründet. Mischa (Fabian Felix Dott), ein Moskauer Prominentenfriseur, verliebt sich in Artjom und beginnt ein Verhältnis mit ihm. Lena, Mischas Frau (Agnes Kammerer) und erfolgreiche Immobilienmaklerin, glaubt, in Mischa den Mann gefunden zu haben, an den sie sich anlehnen kann.

Ein tänzerischer Prolog und 26 Szenen, jeweils eingeführt und begleitet vom Erzähler (Johannes Schumacher). Wer will, mag darin eine Anspielung auf Kapitel 1,26 des Römerbriefs sehen, in dem der Apostel Paulus Homosexualität als „schändliche Leidenschaft“ brandmarkt. Das von Elena Bulochnikova gestaltete Bühnenbild strahlt minimalistischen Charme aus: ein paar Lichtschläuche an den Wänden, die in knapper Symbolik den Ort der jeweiligen Szene bezeichnen. Ein Blütenteppich als Spielfläche, Rosenblüten, deren Rot für Leben, Toleranz und Liebe steht.

Artjom postet Bilder von sich und Mischa auf Insta­gram, was Mischa nicht erträgt. Man muss doch wissen, wo man lebt. In Russland nämlich, wo Homosexualität zwar seit 1993 nicht mehr strafbar ist und seit 1999 auch nicht mehr als Geisteskrankheit gilt, dennoch verschwiegen und unterdrückt wird, dem Zerrbild einer „Tradition“ verpflichtet, die Liebe exklusiv als Beziehung von Männern zu Frauen versteht. Artjom begehrt dagegen auf, lebt seine Neigung nicht nur aus, sondern instrumentalisiert sie. Er prostituiert und verschuldet sich, um mithalten zu können.

Mischa zerbricht an seiner Situation. Gegen die Lügen des „man“ kommt die Wahrheit seiner Gefühle nicht an. Verlassen von Artjom und Lena, stirbt er bei einem Autounfall. Lena bringt nach Mischas Tod sein Kind zur Welt, einen Jungen, um den Artjom sich liebevoll kümmert. Lena aber schickt ihn fort, aus Sorge um ihren Sohn, der nicht „angesteckt“ werden soll.

„Jeder hier möchte bloß glücklich sein.“ Es gelingt nur keinem.


Alle NWZ-Theaterkritiken unter   www.nwzonline.de/premieren 

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