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Vor 20 Jahren erste Rabbinerin

Sabine Schicke

Oldenburg - Für die orthodoxen Juden Deutschlands war es vor 20 Jahren eine Kampfansage, als die damals junge, jüdische Gemeinde in Oldenburg eine Frau als Rabbiner verpflichtete. Die Schweizerin Bea Wyler begann am 1. August 1995 offiziell als erste Rabbinerin nach 1945 in Deutschland ihre Arbeit. Sie wurde am 7. August 1995 während einer Pressekonferenz von Michael Fürst, dem Vorsitzenden des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen, offiziell als Rabbinerin für die Gemeinden Oldenburg und Braunschweig vorgestellt.

Schon Ende Juli jenes Jahres hatte der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden Deutschlands, Ignatz Bubis, in der britischen BBC verkündet, er werde keinen Gottesdienst besuchen, den Bea Wyler leite. Überdies werde die Rabbinerkonferenz des Landes sie nicht akzeptieren. Im orthodoxen Judentum gebe es nun einmal keine Frauen als Rabbiner, ebenso wie es in der katholischen Kirche keine Frauen als Priester gebe. Bubis (1927-1999) erklärte, er sei in einer anderen Tradition groß geworden. Auch in anderen Gemeinden Deutschlands löste die Berufung einer Frau eine Kontroverse aus.

Diplomatisch reagiert

Dabei hatte es durchaus schon einmal vor dem Krieg mit Regina Jonas (1902-1944) eine erste Rabbinerin gegeben. Sie war von den Nazis in Auschwitz ermordet worden.

Von Bubis Ansagen ließ sich Sara-Ruth Schumann, die im Oktober 2014 verstorbene Vorsitzende der Oldenburger Gemeinde, nicht schrecken. Zum einen war sie selbst über die niedersächsischen Gemeinden hinaus gut vernetzt, und zum anderen konnte sie sich auf die Autonomie der jüdischen Gemeinden berufen, die jeweils selbst bestimmen durften, welchen Rabbiner oder welche Rabbinerin sie einstellten. Diplomatisch erklärte Sara-Ruth Schumann jedoch, dass sie Bubis’ Aussage als eine „persönliche Stellungnahme“ bewerte.

„Man soll uns doch erst einmal arbeiten lassen, dann kann man urteilen oder uns verurteilen“, erklärte Vorsitzende Sara-Ruth Schumann. Keinesfalls wollte die Oldenburger Gemeinde mit ihrer Wahl einen Generalangriff auf die 2000-jährige Tradition des Judentums starten, sich aber dennoch für die Gleichberechtigung der Frau im Gottesdienst einsetzen. Sara-Ruth Schumann hatte zu diesem Zeitpunkt auch schon die Genehmigung des niedersächsischen Landesverbandsvorsitzenden Michael Fürst in der Tasche. Schließlich musste er sein Scherflein zur Bezahlung der Rabbinerin beitragen.

Die junge, jüdische Oldenburger Gemeinde zählte damals etwa 100 Mitglieder, darunter viele Frauen. Überdies hatte auch die Braunschweiger Gemeinde, mit der sich Oldenburg die Rabbinerin teilte, eine Frau als Vorsitzende. Beide verstanden sich als nicht-orthodoxe Gemeinden und teilten mithin auch nicht die privilegierte Stellung des Mannes der Orthodoxen im Gottesdienst, wo Frauen auf die Galerien der Synagogen geschickt werden. „Wir werden an der Ernsthaftigkeit und der übrigen Tradition des Judentums nicht rütteln“, versprach Sara-Ruth Schumann damals.

Die Gemeinden in Oldenburg und Braunschweig standen hinter dem Entschluss, die 1951 im schweizerischen Aargau geborene Bea Wyler zu berufen, da sie die in New York ausgebildete Geistliche bereits während der vorangegangenen zwei Jahre im Gottesdienst an hohen Festtagen kennengelernt hatten. Und so pendelte Bea Wyler nach ihrem Amtsantritt alle paar Tage zwischen dem Osten und dem Westen Niedersachsens hin und her. In Oldenburg sah man sie oftmals an der Peterstraße festen Schrittes entlanglaufen zwischen ihrer Wohnung in der Nähe des Pferdemarktes und der Synagoge an der Wilhelmstraße.

Als Bea Wyler am 1. August 1995 ihren Dienst antrat, gab es Blumen, Blitzlicht und viele Fragen. Die studierte Agronomin hatte als Journalistin und PR-Frau für einen Schweizer Chemiekonzern gearbeitet und mithin erwartet, welche Aufmerksamkeit sie auf sich ziehen würde als erste Rabbinerin in Deutschland. Dass die Rabbinerkonferenz sie allerdings ablehnen würde, ehe sie die Mitgliedschaft überhaupt beantragt hatte, erstaunte sie schon. „Ich hatte eine faire Auseinandersetzung erwartet“, sagte sie damals. Sie hatte sich gewünscht, dass man sich mehr auf ihre Arbeit konzentriert hätte und weniger auf ihre Rolle als Frau.

Nach ihrer Ausbildung in New York gehörte sie zum jüdischen Conservative Movement in den USA, in dem bereits seit 1983 Frauen ordiniert wurden. Religionsgesetze, Sabbatregeln, Feiertage und Essensvorschriften waren ihr heilig.

Zwar setzte sie als Feministin auf die Gleichberechtigung der Frau, wollte aber ihre Rolle keineswegs darauf reduziert wissen. Sie verstand sich immer mehr als Lehrende denn als Priesterin im Talar. „Wir wollen Thora lernen, um zu wissen, wie wir Thora leben“, erklärte sie zu Beginn ihrer Arbeit. Die Oldenburger und Braunschweiger Gemeinden empfand sie als „sehr aufgeschlossen und mutig“. Einer ihrer Unterstützer war der damalige Universitäts-Präsident Prof. Dr. Michael Daxner, dessen Zitat sie sehr schätzte. Er hatte gesagt, die Synagoge sei der Ort, in der das Leben immer wieder neu gelernt werden soll.

Eine Gemeinde geformt

Und so gelang es Bea Wyler, aus „einer Gruppe Menschen eine Gemeinde zu formen“. So zumindest drückte es Sara-Ruth Schumann 2002 aus, als das zehnjährige Bestehen der jüdischen Gemeinde gefeiert wurde, die auf 250 Mitglieder angewachsen war. Und der damalige Oberbürgermeister Dietmar Schütz ergänzte: „Und es ist auch eine Frauengeschichte sondergleichen.“

Bis Ende Mai 2004 lebte Bea Wyler in Oldenburg, dann zog es sie wieder zurück in die Schweiz, wo sie heute mit ihrem Mann lebt und als einzige Rabbinerin des Landes tätig ist.

Auch die jüdische Gemeinde in Oldenburg hat 2010 wieder eine Rabbinerin berufen: Alina Treiger, die in der ehemaligen UdSSR aufgewachsen ist und in Berlin ausgebildet und zur Rabbinerin ordiniert wurde. Damit war sie die erste in Deutschland nach der Schoah ordinierte Rabbinerin. Und auch auf sie richteten sich daher wieder viele Blitzlichter.

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