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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Der verhinderte Nobelpreisträger

09.02.2019

Oldenburg /Wien Merkwürdigerweise nahmen ihn die Österreicher, die ja alles, aber auch wirklich alles maschinenmäßig auf Folklore und Gejodel und Schnitzel bürsten, in völlig falscher Erwartung ernst, während er sich als abgedrehten Humoristen sah. Konsequent schwankt Thomas Bernhards Bild bis heute, das Bildnis jenes Mannes, der im holländischen Kloster Heerlen als uneheliches Kind geboren wurde, der erleben musste, dass ihn die Mutter zeitweilig weggab, der bei den Großeltern aufwuchs, in Österreich und Oberbayern, und ein Salzburger Internat der schlimmsten Art besuchte, das zunächst die Nazis leiteten, später die katholische Kirche, was naturgemäß in Bernhards Augen gleich schlimm war, was die Torturen der brutalsten aller brutalen Erziehungsanstalten betraf, der ein fast gebrochener Junge erst 1947 entkam, um ab den 50er Jahren geradezu rauschhaft in einem Befreiungsschlag zu veröffentlichen, Dramen, Lyrik, Erzählungen, Romane, deren Kennzeichen nicht endende Sätze, absatzlose Textmassen, dauerndes Nörgeln, ewiges Provozieren, finsterste Schilderungen sind, und die ja nur wiedergeben, was jeder weiß, aber keiner wissen will: dass wir alle verloren sind, dass die Schicht der Zivilisation dünn und der Hass auf das Land der Spießer, und er meinte zum Glück Österreich, vollkommen berechtigt, ja im Grunde notwendig ist.

Die Premieren seiner Stücke lösten Skandale aus, etwas heute angesichts der allgemeinen Theatersoße geradezu Unerhörtes, Unerreichtes und Unmögliches. „Alle Menschen sind Monster, sobald sie ihren Panzer lüften“, sagte er dunkel und liebte doch die Kaffeehäuser und wohnte auf einem Bauernhof, und wäre er nicht am 12. Februar 1989 vor 30 Jahren einem Herzversagen erlegen, er hätte Chancen auf den Literaturnobelpreis gehabt, den ihm gewiss die Österreicher und die Schriftsteller im Besonderen in ihrer neidischen Bosheit gründlichst vermiest hätten, nur um einen der größten Autoren des 20. Jahrhunderts in den Schmutz zu ziehen, wie es nur die hinterhältigsten aller hinterhältigen Intellektuellen und naturgemäß die sogenannten Literaturwissenschaftler können, die doch im Grunde nur die Literaturverhinderer vom akademischen Dienst sind.

Dass einer wie Bernhard überhaupt zum sogenannten modernen Klassiker erklärt wurde, ja in diese Ecke weggelobt und geschoben wurde, merkt jeder schon daran, dass eine Werkausgabe seiner Schriften seit Jahren im Buchhandel verstaubt, denn gemeinhin werden verdiente Schriftsteller bei uns in Werkausgaben beerdigt. Da gibt es dann extra beschämende, völlig abwertende und gründlich überflüssige Bezeichnungen wie Werke Band 9, denen nur der Hinweis Reihe Römisch IV fehlt, um den Sargdeckel darauf zu klappen.

Kein Mensch, jedenfalls keiner, der ein wenig oder sogar mehr nachdenkt, kauft sich, geschweige denn liest am Ende so einen von vornherein dumpf erscheinenden Band, der im Regal nur hübsch rumsteht, um ein Stück Tapete zu ersetzen und dem jede Attraktivität und Eleganz in totalster Form von den Oberintellektuellen in den Verlagen ausgetrieben wurde, indem sie sich bei der Herausgabe der Werke mit einschlägigen Germanisten verbrüdert haben, jenen Bösen unter den angeblich Literaturinteressierten, denen Bernhard ohnehin suspekt war, denen also daran lag und liegt, ihn endgültig zu besiegen und der Mehrheit der Leser zu entziehen. Naturgemäß werden dann die willigen Leser noch mehr abgeschreckt, indem der Preis für einen Band der Werkausgabe locker bei über 25 Euro liegt, für ein Buch, was die Verlage selbstredend verschweigen, das es meist als preiswertes Taschenbuch auch zu erhalten gibt und worin ja bekanntlich das Gleiche zu lesen ist.

Die Österreicher, von Bernhard zu Recht beschimpft, gerade was ihr Verhalten während und nach dem Nationalsozialismus betrifft, haben es ja nicht mal geschafft, eine ganz naheliegende Buchausgabe zu Lebzeiten des angefeindeten Dichters hinzubekommen, weil die meisten Österreicher immer noch auf dem Sofa sitzen und sich ärgern über die Ausführungen des Enfant terrible, dessen Strahlkraft sie heimlich bewundern, dessen Stachel sie jedoch wie bei einem Skorpion fürchten, jene Stumpfsinnigen unter den Österreichern verkennen Bernhard bis heute, trampeln auf ihm herum und sprechen ihm nur zu, ein Niemand zu sein, der im Dreck der Vergangenheit wühlt, um das glorreiche Österreich mit Dramen wie „Heldenplatz“ zu beschmutzen. Inständig hoffen alle am Alpenrand, dass dieser Raunzer vergessen wird, jener Typ, der es wagte, bei Preisverleihungen sich nicht nach gutdeutscher Art mit tiefster lächerlicher Verbeugung zu bedanken, was er ablehnte, um im Gegenteil die härtesten Reden gegen die Preisverleiher, diese bekanntlich wichtigtuerische Mafia zu halten, die da in der ersten Reihe fein saß, um den Affen am Rednerpult in Dankesreden hampeln zu sehen, einen Gefallen, den er ihnen nie tat, was die Preisjuryinhaber übelst registrierten.

Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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