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Bühnen Immer mehr Theater für Lesemuffel

Reinhard Tschapke

Oldenburg/Wilhelmshaven - In Deutschland gibt es immer mehr Theaterstücke für Lesemuffel. Das Prosa-Theater boomt.

Franz Kafkas Romane sind sehr beliebt, aber auch Wälzer wie Fjodor Dostojewskis „Die Brüder Karamasow“, Leo Tolstois „Anna Karenina“ oder selbst Herman Melvilles „Moby Dick“ werden dramatisiert. Derlei ist in dieser Saison auch im Nordwesten zu beobachten, unter anderem an Theodor Storms bekanntester Novelle „Der Schimmelreiter“. Die Erzählung verwandelt sich an der Landesbühne in Wilhelmshaven zum gut zweistündigen Drama inklusive Deichbau im Schnellverfahren.

Ganzes Rind in der Dose

Der gleiche abendliche Deichbau steht dann am 7. Oktober im Bremer Theater am Goetheplatz als Premiere an. Und die Bremer legen in dieser Saison rüstig nach: Es folgen „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“ nach Mark Twain, „Auferstehung“ nach Tolstoi sowie „Hier bin ich“ nach dem Roman von Jonathan Safran Foer. Am Rande erwähnt sei zumindest noch „Knausgård VI: Kämpfen“ nach den Romanen von Karl Ove Knausgård.

Auch das Staatstheater setzt in dieser Spielzeit massiv auf Literaturverarbeitungstheater – hinzu kommen in Oldenburg noch die Filmdramatisierungen „Honig im Kopf“ nach Til Schweigers Erfolgskinofilm oder „Ein großer Aufbruch“ nach dem gleichnamigen Fernsehstreifen von Magnus Vattrodt.

Der Roman „1984“ von George Orwell läuft bereits als ambitioniertes Drama im Kleinen Haus. Der „Spiegel“ nannte die negative Utopie „1984“ mal ein „Jahrhundertbuch“ – liest das noch einer, wenn er es vorher auf der Bühne sah? Ist das nun das beliebte Schüler-Entgegenkommtheater?

Mit einem gut durchgesessenen Abend von drei Stunden lässt sich bequem die Lektüre von „1984“ ersparen. Da wird sozusagen das ganze Rind in einer Dose geliefert. „Effi Briest“ von Theodor Fontane, der prima zu lesende Roman über Ehe, Ehebruch und gesellschaftliche Ächtung, ist ab 2. Oktober gewiss zeitsparend im Großen Haus zu sehen. Dann heißt es wieder: „nach dem Roman von“.

„Der Steppenwolf“ ist ein wilder Kult-Roman von Hermann Hesse über einen Menschen, der völlig in Zerrissenheit lebt. Das Kultbuch wird nun ab 6. Oktober in Oldenburgs Exerzierhalle vertheatert.

Gegen Hochhuth & Co.

Anders gesagt: Die drei die Saison eröffnenden Schauspielpremieren des Staatstheaters sind lupenreine Literaturtheaterpremieren, sozusagen Prosaersatztheater. Dabei sind wir uns überhaupt nicht sicher, ob es die Bühne schafft, das Niveau eines Fontane, Orwell oder Hesse zu erlangen. Kann Theater den Romanen das Wasser reichen? Und hilft es da, angeblich „werkgetreu“ an die Sache heranzugehen? Man könnte mit Klein Erna antworten: „Schad ja nix, aber was soll das?“. Doch, doch, es schadet. Denn es sind keine genuinen Theaterstücke, die präsentiert werden, und der Nachteil liegt auf der Hand.

Der große Rolf Hochhuth („Der Stellvertreter“, „Wessis in Weimar“) hat das schon vor Jahren thematisiert. Er kritisierte zu Recht, dass Theaterautoren auf der Strecke bleiben. Sie werden benachteiligt und gedemütigt: Man nehme sich einen Bestseller, gern aktuellen Oberstufenstoff, und forme ihn im Zeitraffer mit „Szenen-Hopping“ und obligatorischem Video-Firlefanz zum Romantheater um. Wozu braucht es da noch deutsche Gegenwartsdramatiker? Besänftigt da in Oldenburg das geschickte Deckmäntelchen, dass man das Publikum in dieser Spielzeit über ein Gegenwartsstück abstimmen lässt?

Hochhuth ist ein ausgewiesener Dramatiker, er schimpft mit Kenntnis. Und ein wenig wirkt Oldenburgs Programm ja wirklich so, als gäbe es nicht genug Dramatiker. So als hätten uns Hochhuth, Handke, Bernhard, Müller, Strauß, Jelinek, Dorst, Schimmelpfennig und Konsorten nichts mehr zu sagen.

Eine bedenkliche Entwicklung – man wird sie in künftigen Spielplänen beobachten müssen.

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