Oldenburg - Wenn Journalisten und Bildreporter ihre Profession einfach aussehen lassen wollen, sagen sie schon mal beiläufig: Die Themen liegen auf der Straße – man muss sie nur aufheben. Doch so direkt, wie es Profi-Naturfotograf Jasper Doest erlebte, dessen Bilder während der kommenden World Press Photo-Ausstellung in Oldenburg (15. Februar bis 8. März 2020) zu sehen sind, war es dann doch nicht gemeint.
Der Niederländer hatte seine Cousine Odette auf der Karibikinsel Curacao besucht. Sie brauchte neue Bilder für ihr Wartezimmer, berichtet er. Das passt es gut, wenn man einen preisgekrönten Fotografen in der Familie weiß. Er habe sie überzeugt, „Tiere vor Ort zu zeigen, um ihre Kunden mit der Schönheit der Insel zu überraschen“, sagt der 43-Jährige. Doch plötzlich schepperte es am Hotelfenster, denn ein Flamingo war gegen die Scheibe geflogen. „Die Geschichte fiel mir buchstäblich vor die Füße.“
Cousine Odette, die auf der Insel eine Station für beeinträchtigte Tiere betreibt, nahm den gefiederten Patienten auf. Doch weil die Ver-letzungen nicht vollends ausheilen wollten, wurde der flugunfähige Vogel nicht wieder ausgewildert. Man taufte ihn Bob, adoptierte ihn als Familienmitglied und machte ihn zum Botschafter des Tierschutzverbandes der Insel.
Ein wirklicher Kämpfer und Dokumentar für den Schutz von Natur und Umwelt ist Jasper Doest. Seine herzzerreißende Geschichte vom Flamingo Bob heimste bei jedem Wettbewerb, an dem der Fotograf teilnahm, Preise ein. Natürlich auch beim World Press Photo Award – und hier gleich doppelt. Sowohl im Wettbewerb um das beste Naturfoto, als auch bei der besten Naturstory belegte er jeweils den zweiten Platz. Trotz der weltweiten Beachtung, die ihm zuteil wird, bleibt er bescheiden. Er fotografiere nicht, um sich zu profilieren. Es gehe ihm vielmehr „um Aufmerksamkeit für Themen, für die ich eine größere öffentliche Wahrnehmung erreichen möchte“. Die des abgestürzten Flamingos gehört dazu.
Auf die Frage warum es auf diese Geschichte eine so große Resonanz gab, vermutet Doest: „Weil die Story einen Flamingo vollkommen außerhalb des natürlichen Kontextes zeigt. Menschen können sich in die menschliche Umgebung hineinversetzen, in der Bob nun lebt. Aber innerhalb dieser Umgebung bekommen sie etwas zu sehen, das dort nicht hingehört.“
Geduld und Gelassenheit sind sicher große Stärken des Niederländers, der dem Fotografen-Nachwuchs rät, es ihm gleich zu tun. „Mir fällt auf, dass viele Talente oft aktiv nach einer Geschichte suchen, weshalb sie exakt das Gleiche umsetzen oder zum Teil gezwungen auf der Suche sind, dass sie irgendwann blockiert sind“, meint Doest. „Ich halte es für besonders wichtig, der eigenen Neugierde zu folgen, um dann Geschichten auf sich zukommen zu lassen und sie zu erfassen.“
Das „Bob-Projekt“ hat Doest nicht mehr losgelassen. Ende des Jahres wird ein Buch erscheinen, weitere Pläne gibt es auch schon. „Ich bin gerade von Bonaire zurückgekehrt mit einer neuen Story und reise bald nach Simbabwe im Auftrag des WWF“, erzählt er.
Ein weiterer Aspekt seines Erfolges könnte sein, dass seine Bilder Geschichten voller Hoffnung erzählen, wie die von Odettes Empathie und ihren Einsatz für Bob und den Tierschutz. Und diese Geschichten liegen in der Tat auf allen Straßen dieser Welt.
Die WPP 2019 – zeigt von 15. Februar bis 8. März 2020 im Oldenburger Schloss, Schloßplatz 1, die besten Pressefotos der Organisation „World Press Photo“ des Jahres 2019.
Geöffnet ist das Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte in dieser Zeit jeweils dienstags bis sonntags, 10 bis 18 Uhr. Die WPP 2019 zeigt die 150 eindringlichsten und faszinierendsten Fotografien des Jahres. Das Rahmenprogramm mit Vorträgen, Diskussionen oder einem Fotoslam ist zu finden unter
