Oldenburg - Der kleine Elefant, der mit einem Wildhüter in Botswana schmust. Ein riesiges Rhinozeros, das erschossen und verstümmelt am Boden liegt, mit einer klaffenden Wunde an der Stelle, wo bisher sein Nashorn war. Und Bob, der Flamingo, der in einer Schule auf der Karibikinsel Curaçao Kinder zum Staunen bringt. Drei Bilder, die als „Naturfotografie“ gelten.
NWZ-Spezial : Die Geschichten hinter den Bildern & alle Termine
Niedlichkeit, Entsetzen, Überraschung – Naturaufnahmen haben ihr gemütliches Nischendasein längst verloren, sie transportieren Schönes ebenso wie Hässliches. Ein Thema mit Brisanz, das zeigte sich bei der Podiumsdiskussion „Idyll oder Schock – wie politisch sind Naturfotos?“, die im Rahmenprogramm der derzeitigen Oldenburger Ausstellung „World Press Photo“ in der OLB-Zentrale stattfand.
Britta Jaschinski (Foto: Ahlers)
Für den Leiter der Katholischen Akademie Stapelfeld, Willi Rolfes, steht im Vordergrund, „dass Bilder und ihre Geschichten ehrlich sein müssen. Ihre innere Botschaft muss ehrlich sein.“ Und Ralph Hennings, Pastor der St. Lambertikirche Oldenburg, machte es ganz grundsätzlich: „Es geht gar nicht, dass Naturfotos nicht politisch sind! Wenn ich etwas zeige, dann ist es natürlich politisch, egal ob schockierend oder schön.“
Willi Rolfes (Foto: Ahlers)
Jaschinski meinte, es gebe „keine Möglichkeit“ für den Betrachter, die wahre Geschichte zum Bild festzustellen. Bezogen auf das Foto eines Eisbären, der sich an Abfalltonnen zu schaffen macht, sagte sie aber auch, dass es „egal ist“, ob dieser Bär vom Klimawandel in die Zivilisation verdrängt werde oder krank sei. Denn: „Dieses Bild hat eine Debatte gestartet!“
Ralph Hennings (Foto: Ahlers)
Lisowski fand schließlich die Frage hinter allen Naturfotos: „Muss ich Veganer sein, um kritisieren zu dürfen?“ Ralph Hennings formulierte es so: Man müsse auf Missstände hinweisen können und dürfe trotzdem anders handeln. Entscheidend sei die „individuelle Lebensweise“, nicht „die Schärfe der Argumente“. Für Jaschinski wäre viel gewonnen, „wenn jeder ein bisschen was tut“, und Willi Rolfes nannte die Lösung des Dilemmas eine „Frage der Balance“.
Am Ende der Debatte standen für Moderator Lisowski vier Erkenntnisse: „1. Naturfotos dürfen auch schön sein. 2. Als Betrachter benötigt man mehr Wissen zur Geschichte hinter dem Bild. 3. Als Fotograf hat man seine Verantwortung zu hinterfragen. 4. Die Würde von Tier und Natur sollte man nie aus dem Auge verlieren.“ Forderungen, die für Fotos von brutalen Jagdszenen ebenso Gültigkeit haben wie von süßen kleinen Elefantenohren.
