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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Die Vergangenheit ist tiefblau

07.05.2019

Oldenburger Land Beim Blaudrucker in Jevers Altstadtgasse Kattrepel, einem der letzten noch praktizierenden Handwerker seiner Zunft, sind Seniorinnen und Senioren zu Gast, die die Werkstatt mit den vielfältig blau gefärbten und bedruckten Tüchern, Hemden, Jacken, Mützen und Kissen in einen indigoblauen Taubenschlag verwandeln. Der Blaudrucker beantwortet gelassen und profund jede Frage und kassiert dabei sogar eigenhändig.

Die Preise sind stolz, der Mann und sein Beruf aber sind es auch. Ich habe den Eindruck, in einem blauen Raumschiff aus dem 16. Jahrhundert zu stehen, und bewundere vor allem die Schnitte, die Muster, die Darstellungen aus der Tiefe der Zeit, darunter den „harnakischen Tanz“, der verborgen in der blauen Pracht sogar das erotische Flirten seiner Zeit abbildet und anhand seiner so kräftigen Bläue vorstellbar werden lässt. Das Blau wirkt sich sonderbar stimulierend aus, man beginnt, tief zu glauben, zu staunen und ahnen.

Am Abend kommt bei Südwestwind ein gelblicher Nebel über die Grasweiten der Seefelder Wesermarsch – Qualm von einem Moorbrand bei Meppen im Emsland. Dort hat die glorreiche Bundeswehr in Zusammenarbeit mit der verdienstvollen Luftwaffe Raketen auf das Meppener Moor abgefeuert, das seither, seit gut zwei Wochen, unterirdisch brennt und vor sich hin schwelt.

Termine der Lesereise im Mai und Juni

In den nächsten Wochen geht Mirko Bonné auf Lesereise. Hier die Termine:

Wilhelmshaven: Montag, 20. Mai, 19.30 Uhr, Buchhandlung Prien, Posener Straße 61.

Jever: Dienstag, 21. Mai, 19.30 Uhr, Schlossmuseum Jever (Steinsaal), Schlossplatz 1.

Seefeld: Mittwoch, 22. Mai, 19.30 Uhr, Seefelder Mühle, Hauptstraße 1.

Delmenhorst: Donnerstag, 23. Mai, 19.30 Uhr, Städtische Galerie Delmenhorst, Fischstraße 30.

Westerstede: Samstag, 25. Mai, 20 Uhr, Güterschuppen Westerstede, Am Bahnhof 1.

Oldenburg: Sonntag, 26. Mai, 11 Uhr, Musik– und Literaturhaus Wilhelm13, Leo-Trepp-Straße 13.

Cloppenburg: Sonntag, 30. Juni, 14.30 Uhr, Museumsdorf Cloppenburg (Münchhausenscheune), Haupteingang, Bether Straße 6.

Während 200 Kilometer weiter südwärts der Hambacher Forst dem Braunkohleabbau zum Opfer fällt, ein ganzer Wald weggebaggert werden soll, wogegen junge Leute sich verwahren, – ja, sich! – und demonstrieren, in Baumhäusern verschanzt und angekettet an Bäume, die verschwinden sollen, längst verschwunden wären, gäbe es solches Aufbegehren nicht. Vor diesem Hintergrund wirken die Raketen auf das Meppener Moor fast wie eine Rache-Aktion, eine Vergeltung gegenüber den Hambacher Buchen. Die Bäume wären längst verschwunden, hätten sie nur für eine Stunde die Gelegenheit und die Beine.

Der Blaufärber von Jever, sein Gesicht und seine Hände waren das einzig Helle in einem durch und durch und ganz und gar blauen Raum. Auch er ist verschwunden, nicht nur im Indigo, das ihn umgab, in den weißen Mustern, die seine Handwerkskunst auf die blau gefärbten Stoffe übertragen hat. Sein Beruf ist so gut wie verschwunden. Verschluckt, wie von der Zeit. Hier endet die Kraft der Metaphorik. Die Zeit wird blau. Die Vergangenheit ist tiefblau.

Schafe bei Fedderwardersiel – die Lämmer auf dem Deich, wissen oder ahnen sie, dass sie Schafe sind, dass sie ein Schaf vor sich haben, wenn sich etwas an sie schmiegt? Hält sich ein Schaf für ein Schaf oder vielleicht für das Schaf schlechthin? Oder erkennt es nur die Herde, die Schafe, zu denen es sich zählt? Zählt es sich dazu? Zählt das Schaf Schafe?

Zwischen Waddens und Tettens Boßelmarken kilometerlang auf dem Asphalt der Straße hinterm Deich.

Drüben, am anderen Weserufer, liegt Bremerhaven im Dunst, fünfeinhalb Kilometer lang Richtung See erstrecken sich die Containerquais zum Entladen der Riesenfrachter vorwiegend aus dem fernen Osten. Der Nordhafen dort drüben wurde von den Nazis errichtet für ihre beiden nie zustande gekommenen Naziflugzeugträger „Graf Zeppelin“ und dessen namenlos wieder verschrottetes Schwesterschiff „Träger B“.

Die Flugzeuge für die Flugzeugträger sollten gleich an Ort und Stelle produziert werden, damit sie möglichst schnell einsatzbereit waren, um Tod und Verderben nach England und Skandinavien zu bringen, Stukas, Junkers-Torpedobomber und Messerschmitt-Jäger, die drüben in Blexen, in als Bauernhöfe getarnten Produktionshallen entstehen sollten. Zum Glück aber wurde daraus nichts, das will ich nicht vergessen. Eine Zeit lang wasserten immerhin die Postflugzeuge der beiden großen Amerikadampfer „Bremen“ und „Europa“ im Bremerhavener Nordhafen, aber auch das ist lange her.

Ob Fedderwardersiel oder Nordenham, das einmal wichtiger Auswandererhafen war – viele Nordseehäfen strebten über Jahrhunderte nach allem, wofür Bremen und dessen einstiger Hafen heute stehen, merkantile Weltoffenheit, den Reichtum des Handels und Austauschs, bei Weitem nicht nur von Waren.

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