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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Musikfest Bremen: Oper könnte Eisberge erweichen

12.09.2011

OLDENBURG Das wird ein langer Abend! Schon nach der ersten Arie des Mezzosopranisten Max Emanuel Cencic zeichnet sich das in der Oldenburger Lambertikirche ab, als spontan Beifall losbricht. Die Oper „Il Farnace“ von Antonio Vivaldi führt keinen einzelnen Hit an, die ganze Oper ist einer. Und wenn mit dem lieto fine, dem frohen Ende nach Mord und Totschlag, die Mitternacht näher rückt, dann ist die konzertante Aufführung auch für das Musikfest Bremen zum Hit geworden.

Dramatische Wucht

Sollte die Gattung Oper das prophezeite prägende Kunstwerk des 21. Jahrhunderts werden, dann könnte die Barockoper ihr Schrittmacher sein. Wer gräbt, stößt immer wieder auf Vivaldi, den Kurzzeit-Priester und Langzeit-Impresario. Ein Dutzend seiner 94 vermuteten Opern mischen die Szene auf.

Händel? Viel zu weitschweifig in den Da Capos. Hasse? Gediegen lahm. Bach, der Johann Christian? Nett, aber wenig dahinter. Vivaldi? Ja, der! Innovativ in den Formen, mitreißend in den Gefühlen, umwerfend in der dramatischen Wucht!

Zugegeben: Auch der „Farnace“ von 1739 basiert auf der üblichen abstrusen Handlung, lässt Feldherren Heere mobilisieren, windet Intrigen, Verrat, Liebeskümmernisse und Gefühlsverwirrungen ineinander. Aber das Schicksal des 70 vor der Zeitrechnung von den Römern besiegten antiken Pharnakes berührt dank Vivaldis Musik innerlich statt nur plakativ vordergründig.

Nachhaltig ergreift Farnaces Klage über den vermeintlichen Tod seines Sohnes. Über vereiste Trittsteine in h-Moll schreitet eine Verzweiflung, die Eisberge erweichen könnte. Da verbindet Cencic einzigartig seine vollkommene Beherrschung von Stimme und Technik mit einem Ausdruck, der jedes Gefühl von Künstlichkeit wegwischt.

Längst sind da Unsicherheiten verbannt, denen das 19-köpfige Ensemble „I Barocchisti“ anfangs in der heiklen Akustik nachspüren muss. Doch Diego Fasolis, ein Dirigent, der mit einer explosiven Handbewegung Hörner zum Bersten bringen kann, reinigt rasch jeden Klangschwamm. So werden auch stürmisch pulsierende Läufe kaum mehr eingeebnet. Es mag Teilbereiche im Kirchenrund geben, in denen sich tiefere Gesangslagen trotzdem mit dem Orchester überdecken.

Auf einem Atem

Intensität und Spontaneität, Tonschönheit und Beweglichkeit bringen alle Sänger ins Gesamtwerk ein. Sie setzen die Regel, Kadenzen flüssig auf einem Atem zu singen, über die Versuchung, schrittweise in Höhen zu klettern. Marina de Liso und Mary-Ellen Nesi reichern ihren tonschönen Sopran und Alt mit sehniger Gespanntheit an. Vivica Genaux und Alisa Kolosova bezwingen mit silbriger Timbrierung und unfallfreien Gebirgstouren über verzierte Grate und Trillertrittsteige. Daniel Behle und Emiliano Gonzalez Toro setzen Eloquenz des Vortrags neben Bestimmtheit der Aussage.

Vivaldis aktueller Kurs an der Börse: stark steigender Verlauf bei Opern-Aktien.

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