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Organist Des Berliner Doms: Vom Glück der Orgeltasten

17.02.2015

Berlin /Oldenburg /Norden Die große Liebe und die stille Liebe. Passen die zusammen, ohne dass sich da Eifersucht einschleicht? Geht bestens! Fragt nach bei Andreas Sieling (51).

Der namhafte Organist macht keinen Hehl aus seiner großen Liebe zur Sauer-Orgel des Berliner Doms. Das ist sein Hausinstrument. Aber wenn er Besuche im Nordwesten macht, schlägt er gern den Weg in den Norden in die Stadt Norden ein. Dort erwartet ihn in der Ludgerikirche die Arp-Schnitger-Orgel von 1692. Der gilt Sielings stille Liebe.

Zwischen den beiden Orgeln und den beiden Lieben liegen Welten. Im Berliner Dom ist sozusagen ein Sinfonieorchester zu Hause. In der ostfriesischen Kirche geht es kammermusikalisch zu. „Aber das ist ein fantastisches Instrument“, sagt Sieling.

Nie Heimat vergessen

Zum Berliner Werk, für das der gebürtige Oldenburger seit 2005 als Domorganist zuständig ist, muss er nicht viel sagen. Mit 7269 Pfeifen und 113 Registern spricht es majestätisch für sich. Das 1905 eingeweihte Instrument von Hoforgelbaumeister Wilhelm Sauer aus Frankfurt/Oder steht für Vollendung und Abschluss des Baus mächtiger spätromantischer Orgelkunst.

Hält den Kopf hin: Andreas Sieling liebt seine Sauer-Orgel in Berlin-Mitte. BILD: Berliner Dom

Zum Organisten

Andreas Sieling, Jahrgang 1963, hat nach seiner Schulzeit in Oldenburg-Ofenerdiek, Hahnermoor (Ammerland) und Jaderberg (Wesermarsch) Musikwissenschaft, Germanistik und Publizistik in Berlin, Orgel in Düsseldorf und Kirchenmusik in Halle/Saale studiert. Mit einer Arbeit über den Musiker August W. Bach ist er promoviert worden. Seit 2005 ist Sieling Domorganist an der Sauer-Orgel im Berliner Dom. An der Berliner Uni der Künste lehrt er seit 1999 das Orgelspiel.

Infos: www.berlinerdom.de

Gerade erst hat Sieling das Instrument fernsehgerecht in Szene gesetzt. Beim Staatsakt für den gestorbenen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker trat er solistisch mit Bachs c-Moll-Fantasie und mit der Brahms-Fassung von „O Welt, ich muss dich lassen“ hervor. Zudem begleitete er Staats- und Domchor. „Die Musik verantworte ich zu solchen Anlässen in Abstimmung mit dem Innenministerium allein”, erklärt er.

Mag Sieling eine der kraftvollsten Stimmen Berlins führen, er vergisst nie den Dialog mit der Heimat. Schon als Schüler in Oldenburg hatte es ihn zur Orgel gezogen – wahrscheinlich, weil der Weg dorthin offiziell versperrt war. Eine rote Kordel riegelte den Zugang zum Spieltisch ab.

„Da darf nur der Organist hin“, schärfte ihm seine Mutter ein. Kantor Hans-Reinhard Aukschun in Varel war sein erster Orgellehrer. Er legte in der Oldenburger Lambertikirche die erste C-Prüfung für Kirchenmusik ab, tauschte ein Theologie-Studium gegen das Musik-Studium und ging als Kantor zur Kirchengemeinde in Berlin-Frohnau.

„Warum nicht?” sagte er sich 2005, als er sich um die Organistenstelle am Dom bewarb. Sieling setzte sich gegen 110 Musiker durch. „Warum gerade er?”, war in der Hauptstadt keine Frage. „Unser Domorganist geht selbstbewusst mit dem Instrument um, aber er verneigt sich gleichzeitig vor ihm”, urteilen die Kulturkenner über Sieling. Im Dom hören ihm bis zu 2000 Menschen zu. Und in aller Welt wird er an die größten Konzertorgeln gebeten.

Liebe im Norden

„Zu Predigttexten kann die Kirchenmusik Übersetzungsarbeit leisten”, erläutert er. „Und das Singen aller stiftet Gemeinschaft zwischen Menschen, die sich eigentlich fremd sind.” Auf der Empore nimmt er das seismografisch auf, „da sind meine Ohren besonders geeicht“. Wenn alles beglückend ineinander greift, „dann ist das wie Fliegen“.

Sielings nächster Orgeltraum gilt für 2017 dem ganzen Johann Sebastian Bach. „Da wird manches ungewohnt klingen“, räumt er ein, „es bekommt durch das Instrument einen romantischen Anstrich. Aber warum nicht?“

Doch da kommen Norden und Ludgeri ins Spiel, die stille Liebe eben. Der Raum um die „schönste Arp-Schnitger-Orgel“ herum ist original erhalten: „Da lassen sich etwa durch den Nachhall Rückschlüsse auf die Tempi ziehen, mit denen zeitgenössisch gespielt wurde.“ Das wird auch in den Berliner Bach einfließen. Sozusagen in einen Sauer-Schnitger-Sieling-Bach. Der Thomaskantor ist immer universell, seit fast 300 Jahren.

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