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94. Preis-Verleihung Schwere Zeiten für (einst) beliebte Oscars

Michael Diederich

Los Angeles - Extravagante Outfits und kullernde Tränen frisch gebackener Preisträger haben die Oscars in der Vergangenheit geprägt. Doch in diesem Jahr scheint ein ganz anderer Wind durch das Dolby Theatre in Los Angeles zu ­wehen. Denn mitten in der ­Corona-Pandemie und dem Ukraine-Krieg rollt Amerika den roten Teppich aus. Gute Laune kann nur schwer aufkommen. Doch vielleicht gibt es in der Nacht von Sonntag auf Montag (Live ab 2 Uhr MESZ bei ProSieben) ja die eine oder andere positive Überraschung. Nötig hätten wir Kinofans es jedenfalls.

Die Favoriten

Mit zehn Filmen in der Haupt-Rubrik „Bester Film“ setzt die Academy in dem von Corona geplagten Kinojahr 2021 auf Vielseitigkeit. Einen klaren ­Favoriten gibt es nicht. Anhand der Zahl der Nominierungen liegt der neuseeländisch-australische Film „The Power of the Dog“ vorn. Das Western-Drama, hierzulande schon auf Netflix zu sehen, ist für zwölf Oscars nominiert. ­Jedoch zeigt die Vergangenheit auch, dass eine Vielzahl von Nominierungen keine sichere Bank ist.

Für Regisseurin Jane Campion, die 1994 für den Film „Das Piano“ einen Oscar in der Rubrik „Bestes Originaldrehbuch“ erhielt, wäre es eine zweite Chance. Die Neuseeländerin ist wie 1994 als beste ­Regisseurin nominiert.

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Benedict Cumberbatch („Sherlock“) kann sich Hoffnungen auf den Academy Award machen. Der Brite spielt im Western „The Power of the Dog“ die toxisch-maskuline Hauptfigur. Für seine Leistung bekam er bereits den Golden Globe.

Aber auch Will Smith („Men in Black“) hat die Möglichkeit, seine Karriere am Sonntag zu vergolden. Er ist für die Rolle des Richard Williams in dem Film „King Richard“ nominiert. Sicher scheint die Auszeichnung für den besten Filmsong:. Für das Lied „No ­Time to Die“ aus „James Bond 007: ­Keine Zeit zu sterben“ sind Billie Eilish und deren ­Bruder Finneas O’Connell nominiert. Und Bond-Songs gehören meist zu heißen Oscar-Anwärtern.

Gute Chancen

Das weitere Favoriten-Feld ist in diesem Jahr sehr verteilt. „Belfast“ und „West Side Story“ können sich mit jeweils sieben Nominierungen ebenfalls Chancen auf Erfolge in den Haupt-Kategorien ausrechnen. In den vielen technischen Kategorien gilt das Sci-Fi-Spektakel „Dune“ als heißer Anwärter. Der Blockbuster ist für zehn Oscars nominiert. Im wunderbar von Denis Villeneuve („Sicario“) inszenierten Spektakel trumpfen das Set-Design, der Ton, die Kostüme und die Effekte groß auf.

Die Fehlgriffe

Unverständlich ist hingegen, warum Regisseur Villeneuve nicht für die beste Regie nominiert wurde. Gerade dieser Aufwand in „Dune“ hätte gewürdigt werden müssen.

Auch die Nominierungen von Jesse Plemons und Kodi Smit-McPhee für deren schauspielerische Leistungen in „The Power of the Dog“ sind überraschend. Die Figur von Plemons spielt irgendwann im Film gar keine Rolle mehr, und Smit-McPhee verkörpert einen sensiblen und schüchternen jungen Mann ohne ­Höhen und Tiefen. Beide ­Rollen sind sehr vorhersehbar und standardisiert.

Ein kleiner Wermutstropfen ist die fehlende Berücksichtigung von Ridley Scotts „The Last Duel“. Hier haben Darsteller und Drehbuch überzeugt. Allerdings bekam der Film keine Nominierung.

Deutsche anwärter

Aus deutscher Sicht können sich sowohl der Spezialeffekt-Künstler Gerd Nefzer als auch Komponist Hans Zimmer Hoffnungen auf ihren zweiten Oscar machen. Zimmer erhielt den ersten Academy Award 1995 für seine Arbeit am Film „König der Löwen“. Nefzer ­sicherte sich 2018 für die ­Spezialeffekte im Film „Blade Runner 2049“ seinen ersten Oscar. Nun sind beide für ­„Dune“ nominiert. Ebenfalls interessant ist aus deutscher Sicht die Nominierung von Kirsten Dunst. Die amerikanisch-deutsche Schauspielerin hat eine gute Leistung in „The Power of the Dog“ hingelegt.

Publikum bestimmt

Etwas überraschend ist zudem, dass die Academy in diesem Jahr erstmals zwei Publikumspreise vergibt. Was bei Kritikern aufstößt, ist jedoch ein richtiges Zeichen. Denn die Kluft zwischen Publikums- und Kritikerlieblingen wächst seit Jahren. Jury-Mitglieder ­küren Filme nach ihrem Geschmack – das zahlende ­Kino-Publikum konnte sich an der Wahl nie beteiligen. Auch bei den aktuellen Ticketpreisen für Blockbuster-Filme erscheint eine Berücksichtigung des Publikums bei der Preisvergabe sinnvoll. Ob es am ­Ende auf den Hit „Spider-Man: No Way Home“ hinauslaufen wird, bleibt abzuwarten. Verdient hätte es ein Marvel­Superheldenfilm allemal.

Zu unwichtig

Zusätzlich werden bei der Oscar-Verleihung nicht mehr alle Preise vor Ort verliehen. So stehen die Auszeichnungen in acht Kategorien bereits vorher fest. Diese Entscheidung ist merkwürdig: Warum Komponisten jetzt weniger Bühnenpräsenz als Drehbuchautoren verdient haben, ist nicht erklärbar. Die Organisatoren wollten die oft zähe Veran­staltung kürzen, nur trifft es mit dieser Aktion die Falschen. Es entsteht eine Lücke zwischen den verschiedenen Filmschaffenden, die hoffentlich nicht zu groß wird.

Überraschungen

Für Überraschungen könnte die Kategorie „Beste Hauptdarstellerin“ sorgen. Hier ­konkurrieren in Jessica Chastain, Nicole Kidman, Penelope Cruz, Olivia Colman und Kristen Stewart echte Hollywood-Stars. Die größten Chancen auf einen Oscar hat Kidman für ihre Leistung im Film „Being the Ricardos“, der sich mit einem Schauspiel-Paar aus den 1950er Jahren beschäftigt, die Kommunismus-Vorwürfen erwehren müssen. Außerdem scheint selbst die Rubrik „Bester Film“ noch ­offen zu sein.

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