PARIS - Die Namen seiner Eltern Franz und Helen Hessel stehen neben denen von Thomas Mann, Bertolt Brecht und Stefan Zweig auf der jüngst in Sanary-sur-Mer enthüllten Gedenktafel für die naziverfolgten verbrannten Dichter. Sein Vater, ein deutsch-jüdischer Schriftsteller, galt als Meister der leisen Töne.
Seine eigenen Töne würde Stéphane Hessel eher als immer ziemlich laut bezeichnen. Zu überhören ist das Wort des 93-jährigen einstigen Résistance-Kämpfers jedenfalls nicht. In Frankreich wurde sein aktueller Aufruf zum Widerstand (Indignez- vous!) in kürzester Zeit 1,3 Millionen Mal verkauft. Jetzt bei Ullstein erstmals in Deutsch (Empört Euch!) erschienen, führt es viele Bestsellerlisten an.
Hessels Streitschrift ist ein leidenschaftlicher Appell gegen soziale Kälte, Rassismus und die Herrschaft des Geldes. Das enorme Echo erklärt sich durch die Autorität des Verfassers als Widerständler gegen die deutsche Besatzungsmacht an der Seite von Charles de Gaulle, als Überlebender des Konzentrationslagers Buchenwald und Spitzendiplomat, der 1948 die UN-Menschenrechtscharta mit aushandelte.
Das Manifest zum Volkszorn verdankt seinen reißenden Absatz in Frankreich aber auch einem viel trivialeren anderen Umstand. Dass er sich in seiner Würde wohltuend von einem eitlen Staatspräsidenten abhebt, dessen Wort kaum noch Gewicht hat, glaubt der Inhaber einer Buchhandlung in Toulon unter Anspielung auf Staatschef Sarkozy.
Mit seinen Eltern, die 1924 nach Frankreich gegangen waren, lebte Stéphane Hessel im Pariser Künstlermilieu. Berühmt wurde die Dreiecksbeziehung der Eltern mit dem Schriftsteller Henri-Pierre Roché, die in dem Kinofilm Jules und Jim verewigt wurde.
Stéphane Hessel arbeitete im Zweiten Weltkrieg am Programm von Jean Moulins nationalem Widerstandsrat mit, wurde im Juli 1944 von der Gestapo verhaftet und gefoltert. In Buchenwald befreundete er sich mit dem Schriftsteller Eugen Kogon. Der als Spion zum Tode verurteilte Hessel überlebte nur, weil ihm Kogon eine andere Identität verschaffte. Indignez-vous! machte Hessel zum gefragtesten Mann Frankreichs. Sozialstaat, Rechtsstaat, Demokratie, Pressefreiheit all das sei in Gefahr. Zudem verurteilt Hessel die Politik Israels im Gaza-Streifen als Demütigung der Palästinenser. Es sei also höchste Zeit, sich zu wehren.
