PARIS - PARIS - Modeschöpfer, so weiß es die einschlägig interessierte Öffentlichkeit, sind sensible Wesen, elegant, schlank und manchmal so exzentrisch, dass sie ihre Unterhosen nach einmaligem Gebrauch in die Mülltonne werfen. Christian Dior war das alles nicht. Der Mann, der am 21. Januar 100 Jahre alt geworden wäre, war dennoch einer der besten, wenn nicht der größte seiner Zunft.

Äußerlich eher unscheinbar, rundlich, mit deutlich erkennbarem Bäuchlein und hoher Stirn legte der in Granville in der Normandie geborene Großindustriellensohn den Grundstein zu einem gigantischen Fashion- und Lifestyle-Imperium, machte Paris zum Nabel der Modewelt und war der erste, der seinen Namen als Lizenz für beispielsweise Parfüm und Strümpfe vermarktete.

Für all das hatte Christian Dior, was er allerdings nicht wissen konnte, nur zehn Jahre Zeit. Zunächst sollte Dior Diplomat werden, zog aber die Eröffnung einer Kunstgalerie vor. Dann begann er für die Zeitschrift „Figaro“ Hüte zu zeichnen, arbeitete sich schließlich in verschiedenen Modehäusern hoch, fiel aber nicht besonders auf.

Er war 42, als ihm mit einem Schlag die Modewelt zu Füßen lag. Nur zwei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs war Europa weitgehend zerstört, aber die Menschen sehnten sich nach all dem Elend nach Schönheit und Luxus – vor allem in den USA, wo Dior 1947 mit seinem „New Look“ aus dem Stand sensationelle Erfolge feierte. Die „Ligne Corolle“, die Glockenblumenlinie, betonte die weiblichen Formen mit runden Schultern, schmalen Taillen, weit ausladenden Röcken, eine Befreiung nach der alles beherrschenden Uniformität im Krieg.

Nur konsequent, dass der Franzose, nachdem er in Paris mit Hilfe von Freunden ein eigenes Modehaus eröffnet hatte, 1949 die „Christian Dior New York Inc.“ gründete und seine Modelle unter dem Namen dieser Firma sogar auf Prêt-à-Porter-Modenschauen in der französischen Hauptstadt präsentierte. Der märchenhafte Triumphzug des Christian Dior war nicht mehr zu stoppen. Alle halbe Jahre gab es etwas Neues: Den Glockenblumen folgten Tulpen, Ligne longue, Schlangenlinie, die H-, Y- und A- und schließlich 1956 die Pfeillinie.

Für Christian Dior waren diese ständigen Modenschauen ein ungeheurer Stress, da er panische Angst vor Journalisten und schlechter Kritik hatte. Die großen Modezeitschriften waren in seinen Augen „die strengste und wetterwendischste Jury der Welt, die sich versammelt, um mir den Prozess zu machen“, wie er in seiner Autobiografie schrieb.

Vielleicht war dieser Druck zu groß für den eher schüchternen Mann: Am 24. Oktober 1957 beendete der Tod Leben und Karriere des die Modewelt der 50er-Jahre diktierenden Haute-Couture-Zars. Christian Dior erlag im toskanischen Kurort Montecantini einem Herzanfall.