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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Passt seit 150 Jahren in die Hosentasche

29.04.2017

Ditzingen /Oldenburg Gelb, klein, preiswert: Reclam-Hefte sind Generationen von Schülern und Studenten wohlbekannt. In diesem Jahr feiert die Universal-Bibliothek des Philipp Reclam jun. Verlags mit Sitz in Dietzingen ein Jubiläum: Am 10. November 1867 erschien mit „Faust I“ von Johann Wolfgang von Goethe das erste Heftchen. Der Startschuss für die heute älteste Reihe auf dem deutschen Buchmarkt.

Damals war das Heft zwar noch nicht im mittlerweile bekannten und markanten Gelb, aber bereits in handlicher Größe und für die breite Masse erschwinglich. 150 Jahre später sind 3500 Titel von Reclam lieferbar, der Gesamtabsatz liegt bei 0,6 Milliarden Exemplaren.

Wie hoch wäre ein Stapel aus allen Heftchen?

Ein Stapel mit allen heute lieferbaren Bänden der Universal-Bibliothek (UB) wäre etwa 30 Meter hoch. Das sind vier Meter mehr als der höchste Punkt des Brandenburger Tors. Den meisten Platz in diesem Stapel würde der „Parzival“ von Wolfram von Eschenbach einnehmen: Mit 1440 Seiten, aufgeteilt in zwei Bände, ist er das dickste Werk in der Reihe. Kein Vergleich zu den 79 Seiten von Maulana Dschelaladdin Rumi: „Aus dem Diwan“ ist das dünnste Heftchen der UB.

Was bedeuten die
verschiedenen Farben
?

Neben dem typischen Gelb gibt es noch andere Farben in der Universal-Bibliothek. Damit soll es nicht nur bunt werden im Bücherregal, die Farben haben eine Bedeutung: Gelb steht für die einsprachigen Ausgaben in Deutsch, Orange markiert die zweisprachigen Ausgaben mit der Ausgangssprache und einer deutschen Übersetzung. „Reclams Rote Reihe“ sind Ausgaben im fremdsprachigen Original (zum Beispiel Englisch, Spanisch oder Italienisch) mit deutschen Worterklärungen. Grün steht für Erläuterungen, Interpretationen und Quellentexte, während sich in den blauen Heftchen Textsammlungen und Einführungen zu Autoren (Kompaktwissen) und Werken (Lektüreschlüssel) befinden. Abgerundet wird die Reihe mit den magenta-farbenen Sachbüchern.

Das markante, fast schon grelle Gelb war aber nicht immer Markenzeichen der Reclam-Heftchen. Los ging es mit einem Rosenholzton für die ersten 50 Jahre, dann folgten diverse Chamois- oder Elfenbein-Schattierungen. Erst über 100 Jahre nach Erscheinung des ersten „Faust“-Heftchens wurde es bunt: 1970 werden die Hefte gelb.

Welche Werke werden
zu Reclam-Heften
?

„Der Philipp Reclam jun. Verlag versteht sich als Klassikerverlag“, heißt es auf der Homepage des Verlags. Das schließt unter anderem jüngere Literatur aus. Zudem werden nur Texte verwendet, die vom Urheberrecht befreit sind. Das geschieht erst 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Im vergangenen Jahr etwa sind Texte vom deutschen Dramatiker und Schriftsteller Gerhart Hauptmann frei geworden. Er gilt als der bedeutendste deutsche Vertreter des Naturalismus und starb am 6. Juni 1946.

Was ist so praktisch an den gelben Heftchen?

„Handlich, preiswert, gut lesbar“, das sind die ersten Schlagworte, die Franz Held zu den Reclam-Heften einfallen. Der Schulleiter und Deutschlehrer der Cäcilienschule Oldenburg weiß noch, dass sie genau in die Taschen der Lederhose passten und man sie so überall mit hinnehmen konnte. Früher sei man immerhin noch viel draußen gewesen. Für ihn waren sie ganz klar der Zugang zu Literatur und Bildung. Zudem war es „sein“ Heft, und dementsprechend wurde es auch benutzt: bemalt, reingeschrieben, markiert, Eselsohren. Am Beispiel des heutigen Schulleiters wird deutlich: Reclam-Hefte sind da, um benutzt zu werden und machen so einiges mit.

Sind Reclam-Hefte
noch zeitgemäß
?

In der Oldenburger Buchhandlung Bültmann & Gerriets sind 15 Regalbretter von jeweils etwa einem Meter mit Reclam-Heften gefüllt, erklärt Heike Pfann, Leiterin der Taschenbuchabteilung. „Wir kaufen die Novitäten ein und wenn zum Beispiel etwas im Theater läuft.“ Viele Kunden würden in so einem Fall gerne vorher das Werk noch schnell lesen und dabei zu den altbekannten, preiswerten Heftchen greifen. Für manche sei die Schrift aber auch zu klein. Die Entscheidung für oder gegen Reclam würde sich in solchen Fällen die Waage halten. Pfann ist der Meinung, dass Reclam zwar noch aktuell ist, früher aber exklusiver war, da es heute viele Alternativen gibt.

Benutzen Schüler und Studenten noch Reclam?

Nach Meinung von Schulleiter Franz Held hat sich die Schülergeneration geändert. „Heute braucht man mehr Materialien“, das reine Lesen reiche nicht mehr. An seiner Schule werden andere Bücher verwendet, die gelben Heftchen gehören nicht mehr zum Lehrmaterial.

Auch Heike Andermann, Vertreterin des leitenden Direktors der Uni-Bibliothek in Oldenburg, sieht eine Veränderung in der heutigen Generation: „Der Wandel zum Digitalen ist sehr ausgeprägt.“ Früher seien die Reclam-Hefte zum günstigen Preis wichtig gewesen im Sinne der Volksbildung, heute aber eher etwas für die ältere Generation. Ausnehmen möchte sie die Geistes- und Sozialwissenschaften: „Dort spielt die gedruckte Publikation immer noch eine große Rolle.“

Den Wandel sieht auch Buchhändlerin Heike Pfann, ebenso den Unterschied zwischen Schülern und Studenten. Heute würden Schüler öfter zu den Ausgaben von Schulbuchverlagen greifen, Studenten aber immer noch gern zu den gelben Heftchen. Pfanns Urteil: „Reclam-Hefte wird es wahrscheinlich immer geben. Und sie haben ihre Berechtigung.“

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