Oldenburg - Scharfes „G“, gerolltes „R“ und fehlende Artikel: „Gestatten, Leon de Winter. Wie Sie hören, bin ich Holländer.“ Gut gelaunt und mit einer gehörigen Portion Selbstironie im Gepäck trat der 59-jährige niederländische Schriftsteller und Filmschaffende am Dienstagabend vor das Publikum im fast ausverkauften Theater Laboratorium. Eingeladen hatte die Buchhandlung Isensee zur Lesung aus dem Roman „Ein gutes Herz“.

Das Bühnenbild: Ein Stuhl, ein Tisch, ein Buch, eine Flasche Wasser und ein Glas – genug für de Winter, der die Geschichte eines Romans erzählte, der eigentlich ganz anders hätte werden sollen, aber gerade wegen seiner „verrückten Entstehung“ aus der Masse heraussticht. Eine Mischung aus Liebe, Terrorismus-Thriller und Rachsucht, und mittendrin ist Filmemacher Theo van Gogh, den de Winter liebevoll „Favorit-Feind“ nennt. Jahrelang hatte dieser ihn verleumdet, beleidigt und provoziert, bis er 2004 Opfer eines Ritualmordes wurde.

Als pöbelnder, rauchender und Whiskey saufender „Schutzengel in Ausbildung“ auf der Suche nach dem Rest seines Körpers feiert das Enfant terrible Amsterdams im Roman seine Wiedergeburt. De Winter genießt es sichtlich, aus den Text-Passagen seines Intimfeindes zu lesen – setzt ein verschmitztes Lächeln auf, schlägt die Beine lässig übereinander und stützt sich mit seinen Ellenbogen auf dem Tisch ab. Trotzdem bezeichnet er seine eigentliche Intention, Rache an dem Verstorbenen zu nehmen, als misslungen. „Es ist am Ende eher eine Versöhnung geworden“, sagt der Autor.

Zimperlich ist der Roman trotzdem nicht. Mit teils deftiger Sprache und expliziten Gewaltbeschreibungen („Er konnte sein eigenes Blut spritzen sehen, als das Messer sich in seinen Hals bohrte und sich der Kopf langsam vom Rumpf löste“) gibt der Roman schonungslose, aber spannende Einblicke in die Gedanken des Autors – verstärkt durch de Winters Körpersprache beim Lesen.

Das Bild des grausam ermordeten van Gogh prägt sich ebenso ein, wie der dunkelhäutige heilige Franziskaner, der den toten Saufbold van Gogh auf die richtige Spur im Reich der Toten bringen will. Eine herrlich sarkastische Persiflage auf politische Korrektheit über Religion und Rache, bei der es nicht störte, dass die Lesung Überlänge hatte. Schutzengel gut – alles gut.

Sabrina Wendt
Sabrina Wendt Thementeam Wirtschaft