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NWZonline.de Nachrichten Kultur Personen

Geschichtsschreiber der Deutschen ist tot

06.11.2015

Feldafing /München Er galt als einer der ganz Großen seines Fachs. Hans Mommsen erhob unüberhörbar seine Stimme, im „Historikerstreit“ der 80er Jahre, bei den umstrittenen Hartz-IV-Reformen und in der Diskussion um die Filbinger-Äußerungen von Günther Oettinger. Nicht zuletzt darum gehörte Mommsen zu den bedeutendsten deutschen Historikern. Jetzt ist er im Alter von 85 Jahren gestorben. Seine Grundhaltung war sozial-liberal, seine Schwerpunkte waren die Geschichte der Sozialdemokratie und der Arbeiterbewegung, die Weimarer Republik, der Nationalsozialismus und der deutsche Widerstand.

Das, was Hans Mommsen, vor nicht allzu langer Zeit in einem Zeitungsinterview sagte, ist aus heutiger Sicht brandaktuell: Die deutsche Einwanderungspolitik sei zu restriktiv, sagte er in einem Gespräch mit der „Augsburger Allgemeinen“. „Was da spukt, ist mir suspekt.“ Aus wirtschaftlicher Sicht müsse man die Einwanderung „deutlich forcieren“.

Als Literaturnobelpreisträger Günter Grass im Jahr 2006 heftig kritisiert wurde, nachdem er nach jahrelangem Schweigen seine Zugehörigkeit zur Waffen-SS gestanden hatte, nahm Mommsen ihn in Schutz. Er nannte die öffentliche Aufregung „unangebracht“. Die Kritik an Grass sei vielfach „scheinheilig“, denn tatsächlich müsse sie an die deutsche Öffentlichkeit selbst gerichtet werden.

In der „Frankfurter Rundschau“ schrieb er damals: „Die mangelnde Bereitschaft der Nation, ihre eigene Verstrickung in die NS-Verbrechen einzugestehen und ihr Bestreben, sie auf die NS-Täter im engeren Sinne zu projizieren, ist ja erst die Erklärung dafür, dass vor allem von Angehörigen der späten Kriegsjahrgänge ihre Mitgliedschaft in der Waffen-SS, der NSDAP oder anderen Apparaten des Regimes verschwiegen wurde, um öffentlichen Diffamierungen auszuweichen.“

Als der damalige baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) 2007 seinen wegen Verstrickungen in den Nationalsozialismus zurückgetretenen Vorgänger Hans Filbinger weitgehend unreflektiert würdigte, warf Mommsen ihm „schon ein bisschen Feigheit“ vor.

Gemeinsam mit seinem nur wenige Minuten jüngeren und 2004 gestorbenen Zwillingsbruder Wolfgang bezog Hans Mommsen auch im „Historikerstreit“ der 80er Jahre über die geschichtliche Einordnung des Nationalsozialismus klar Stellung gegen den Berliner Geschichtsprofessor Ernst Nolte. Nolte hatte in einem Artikel den Holocaust als mögliche Reaktion auf die Verbrechen der sowjetischen Kommunisten beschrieben. Daraufhin entbrannte unter deutschen Historikern ein auch im Ausland beachteter Streit um die Bedeutung und eine mögliche Verharmlosung der Nazi-Gräueltaten. Mitte der 90er Jahre war Hans Mommsen einer der Wortführer der Kritiker an dem umstrittenen Buch des US-Politologen Daniel Goldhagen „Hitlers willige Vollstrecker“.

Politisches Engagement hat Tradition in der Familie des 1930 in Marburg geborenen Hans Mommsen. Er ist der Urenkel des berühmten Historikers, Juristen und Politikers Theodor Mommsen, der im Jahr 1902 für seine „Römische Geschichte“ den Literaturnobelpreis bekam. Von ihm schien er auch seine Konfliktfreudigkeit geerbt zu haben, seine Pointiertheit und Schärfe.

Auch Hans“ Zwillingsbruder Wolfgang machte sich als engagierter Geschichtswissenschaftler einen Namen. Die „Mommsen-Zwillinge“ wurden zur Institution unter deutschen Historikern. Der ältere, 1976 gestorbene Bruder des Zwillingspaares, Karl Mommsen, lehrte in Basel Regionalgeschichte. Auch ihr Vater Wilhelm war Historiker, der allerdings wegen Verstrickungen während der NS-Diktatur nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr Fuß fassen konnte.

Hans Mommsen war in seiner langen und erfolgreichen Karriere Professor für Neuere Geschichte an der Ruhruniversität in Bochum und Gastprofessor an Universitäten in den USA und Großbritannien. Seit seiner Emeritierung lebte Hans Mommsen im oberbayerischen Feldafing am Starnberger See. Der Journalist Peter Köpf setzte der Familie Mommsen mit einem Buch ein Denkmal. Der Titel: „Die Mommsens. Von 1848 bis heute - die Geschichte einer Familie ist die Geschichte der Deutschen“.

Hans Mommsens letztes Buch erschien 2014. Mit dem Titel „Das NS-Regime und die Auslöschung des Judentums in Europa“ zog er die Bilanz seiner Jahrzehnte langen Holocaust-Forschung. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ würdigte Mommsen anlässlich seines 80. Geburtstags im Jahre 2010 als „einen der ganz Großen seines Fachs“. Er gehöre zu jenen Repräsentanten der langen Generation sozialliberaler Historiker, die in den 60er Jahren angetreten sei, die westdeutsche Geschichtswissenschaft von verstaubten Traditionen zu befreien. „Er hat das historische Selbstverständnis der Republik im Sinne einer demokratischen Bürgerkultur geprägt wie kein Zweiter.“

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