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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Krimi-Autor Im Porträt: Peter Gerdes: Auch Ostfriesen können fies sein

04.07.2020

Leer Zuallererst ist Peter Gerdes ein friedliebender Mensch. Typ gemütlicher und sturmflutfester Ostfriese. Doch dieses Bild kann nicht ganz stimmen. Der 64-Jährige war sprachgewandter Sportjournalist, kennt also Blutgrätschen und Tiefschläge. Und er liebt das Bogenschießen, sein Hobby. Was hilfreich sein dürfte für ein weiteres Talent: Peter Gerdes mordet gern. Besser formuliert: Er lässt morden. Der Mann mit dem freundlichen Lächeln ist Krimi-Autor.

Der gebürtige Emder, der nach einigen Wanderjahren seiner Heimat treu geblieben ist und heute mit Familie in Leer lebt, ist mehr als nur ein Schönschreiber unter vielen. Er ist längst auch ein erfolgreicher Autor im kriminalistischen Gewerbe mit mitunter besten Verkaufszahlen. Knapp 20 Romane plus unzählige Kurzgeschichten hat Gerdes bislang veröffentlicht, dieser Tage kam sein jüngstes Werk, „Langeooger Dampfer“, heraus.

Dem Genre verschrieben

Der Titel deutet an: Peter Gerdes hat sich dem populären Genre der Regionalkrimis verschrieben (seine Bücher spielen ausnahmslos im Nordwesten Deutschlands). Und er beweist dort sein Näschen für weiße Flecken auf der literarischen Landkarte. „Langeoog ist zum siebten Mal Schauplatz eines meiner Bücher“, erzählt er. „Ich habe diese Insel ausgesucht, weil sie damals gerade autorenfrei war, sogar das kleine Baltrum wurde krimitechnisch bereits betreut. Darum nahm ich die Insel daneben, die ich noch gar nicht kannte. Die dortige Buchhändlerin aber zeigte mir alles, was Langeoog besonders macht.“ Und so haben Einheimische wie Touristen seit seinem zweiten Werk „Thors Hammer“ (1997) ihren Spaß an der Tätersuche im Wattenmeer.

Gerdes weiß, dass Regionalkrimis sich bisweilen abgenutzt haben, es gibt einfach zu viele davon. Also achtet er darauf, in seinen Geschichten akkurat die Region wiederzugeben, bis hin zum korrekt geschriebenen plattdeutschen Straßennamen – bei aller Fantasie und literarischen Qualität, die dem Leeraner eigen sind. „Regionale Literatur braucht die Anwesenheit des Autors. Es kommt auf den richtigen Blickwinkel an, denn den bemerkt der Leser.“ Man müsse nicht unbedingt in der Gegend, über die man schreibt, leben, man sollte sich aber „mit der Region identifizieren“, findet Gerdes. „Vielen Autoren gelingt das bereits, wenn sie dort Urlaub machen. Man entwickelt so einen Blick für räumliche und gesellschaftliche Zusammenhänge.“

Dass nicht jeder Regionalkrimi gelungen ist, weiß er allerdings auch. „Oftmals wird da eine Geschichte einfach zusammengestümpert, als quasi letzte Hoffnung auf Erfolg“, kritisiert er. „Das ärgert mich so sehr, dass ich schon eine vierjährige Krimipause eingelegt hatte. Dabei macht einen guten Regionalkrimi doch genau das aus, was jedes gute Buch ausmacht: Sprache, Erzählbogen, Plot, das sollte passen und möglichst anspruchsvoll sein.“

Als Leiter der „Ostfriesischen Krimitage“ und des „Ostfriesischen Krimisommers“ hat er wahrscheinlich genug Gutes und Schlechtes zwischen Buchdeckeln gesehen. Weshalb Gerdes in seinen eigenen Arbeiten viel Wert auf vertrautes Terrain legt. Nahezu jedes Werk hat die Stadt Leer zumindest als Nebenschauplatz, als ehemaliger Seemann knüpft er gern und oft Maritimes in die Handlungen ein, und in fast jedem Roman findet sich dasselbe Bestiarium: Hauptkommissar Stahnke, Journalist Marian sowie Ex-Journalistin und Psychotherapeutin Sina sind Pflicht bei Gerdes. „Wiederkehrendes Personal ist für mich wichtig, weil ich damit am Anfang einer Arbeit den Nebel, der über dem leeren Blatt liegt, leichter heben kann“, beschreibt er seine Taktik. „Diese Personen helfen mir dabei, die Grobstruktur eines neuen Buches mit Leben zu füllen.“

Dennoch sind seine wichtigsten Figuren nicht einem Plan entsprungen, obwohl Stahnke, Marian und Sina bereits im Debüt „Ein anderes Blatt“ auftreten. „Reiner Zufall“, betont Peter Gerdes heute, 23 Jahre nach dem Erstling. Dass aber schon damals Journalismus und Zeitungsredaktion zentrale Themen spielten, ist sicher kein Zufall. Schließlich hat Gerdes neun Jahre lang bei der Nordwest-Zeitung in Oldenburg dann weitere neun Jahre in Leer als Redakteur gearbeitet, ehe er von 2002 bis 2018 sein früheres Studium (Germanistik, Anglistik) einsetzte und Schüler unterrichtete. Inzwischen ist er, immer noch in Leer, hauptberuflich Krimischreiber. „Am Vorabend meines 40. Geburtstages begann ich, meinen ersten Krimi zu schreiben, der dann zwei Jahre später erschien. Im Rückblick betrachtet, hätte ich viel eher beginnen müssen, habe ein Jahrzehnt verloren. Aber eine bürgerliche Existenz mit Familie, Beruf und Häuschen war mir auch wichtig. Und ja, es hat alles gut funktioniert.“

Dass es ausgerechnet die Spannungsliteratur sein würde, die ihm Erfolg und Bekanntheit einbrachte, wundert niemanden mehr als Peter Gerdes selbst. „Ich hatte mit Krimis nie etwas am Hut“, lacht er. „Ich habe in den 1970er Jahren viel Lyrik geschrieben, politische Songtexte verfasst und solche Sachen. Dann aber machte mich ein Freund auf die Schweden Sjöwall/Wahlöö aufmerksam – und deren Bücher fand ich toll, diese Verbindung von gesellschaftspolitischen Themen und Spannung. Da wird das Anliegen der Autoren zum integralen Bestandteil der Geschichte.“ Für Gerdes war die Martin-Beck-Reihe der Schweden der Auslöser für das eigene Schreiben, das ebenfalls gesellschaftspolitische Themen aufgreift: Umweltzerstörung, Kindesmissbrauch, Terrorismus, Rechtsradikalismus – das ostfriesische Idyll muss bei ihm einiges aushalten.

Unterhaltsam bleiben die Geschichten trotzdem, was wohl die große Kunst im Krimigenre ist. Gerdes nennt deshalb auch zwei andere Prominente des gesellschaftskritischen Krimis: Horst Bosetzky (Pseudonym „-ky“) und Hansjörg Martin sind für ihn Vorbilder und Lieblingsautoren zugleich.

Zwei Autoren, die er auch in der Krimi-Buchhandlung „Tatort Taraxacum“ findet, die seine Frau Heike seit dem Jahr 2000 mitten in der Leeraner Altstadt betreibt. „Dieser Laden und der Leda-Verlag, den wir bis Ende 2019 leiteten, waren auch wichtig für meine Arbeit“, sagt Gerdes. „Es gab da eine gewisse Wechselwirkung zwischen dem Schriftsteller und dem ,Tarax’.“

Dramatische Unterhaltung

Als vom Journalisten-Dasein geprägter Schreiber kommt er auf durchschnittlich ein Buch pro Jahr, der „Langeooger Dampfer“ passt gut in dieses Zeitschema. Die ebenso verzwickte wie humorige Geschichte um lodernde Liebe und freche Feriengäste, rechtsradikale Umtriebe und blinde Rachsucht ist angenehm leicht zu lesen und gleichzeitig aufregend dramatische Unterhaltung.

Womit Peter Gerdes einmal mehr beweist, dass er im Grunde zwar ein friedliebender Mensch ist, der aber auch anders kann: „Vielleicht habe ich meine Gefühle einfach nur gut im Griff. Krimis helfen doch, Aggressionen abzubauen. Und dabei muss ich mir gar nicht ultrabrutale Todesszenarien ausdenken, wie sie in den modernen skandinavischen Thrillern vorkommen.“ Mag sein, doch die mittelalterliche Foltermethode, die in „Langeooger Dampfer“ Anwendung findet, ist für die Opfer sicher kein Quell reiner Freude. Was beweist: Auch Ostfriesen können fies sein.

Klaus Fricke
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