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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Philosoph André Glucksmann ist tot

11.11.2015
NWZonline.de NWZonline 2015-11-13T08:46:03Z 280 158

Persönlichkeit:
Philosoph André Glucksmann ist tot

Paris André Glucksmann hat sich für den Kommunismus eingesetzt und ihn später als barbarisch angeprangert. Als linker Intellektueller unterstützte er 2007 im Präsidentschaftswahlkampf den konservativen Politiker Nicolas Sarkozy. Er sei kein bedingungsloser Linker, erklärte er sein Engagement, das er später jedoch bereute. Glucksmann, der in der Nacht zu Dienstag im Alter von 78 Jahren gestorben ist, gehörte zu Frankreichs bedeutendsten, aber auch umstrittensten Intellektuellen der Gegenwart.

Im Mai 1968 demonstrierte er gegen den autoritären Geist der konservativen Gesellschaft und ging neben Jean-Paul Sartre auf die Straße. Wie er, war auch Sartre ein überzeugter Kommunist. Mitte der 70er Jahre vollzog er jedoch eine Kehrtwende und schloss sich den „Neuen Philosophen“ an, die eine radikale Abkehr vom Kommunismus forderten. Auslöser seines Gesinnungswandels seien der russische Schriftsteller Alexander Solschenizyn und sein Buch „Archipel Gulag“ gewesen, das ihm die Augen geöffnet habe, wie er damals gestand. In seinem 1976 erschienenen Buch „Köchin und Menschenfresser“ rechnet er mit stalinistischen und marxistischen Systemen ab.

Von nun an bekämpfte Glucksmann in seinen Streitschriften jegliche Form von Totalitarismus. In „Die Meisterdenker“ rechnete er mit den deutschen Philosophen Fichte, Hegel und Nietzsche ab. Ihnen warf er vor, mit ihren romantisch-mythischen Überhöhungen der totalen und endgültigen Revolution zur Gründung eines totalitären Staates beigetragen zu haben.

„Um sich empören zu können, muss man sich gegen sich selbst empören“, erklärte Glucksmann. Eine Grundhaltung, mit der der Philosoph, mit den längeren grauen Haaren, regelmäßig für Aufsehen sorgte. Im Jahr 1999 befürwortete er die Intervention der Nato gegen Slobodan Milosevic in Jugoslawien und 2003 unterstützte er den Krieg der USA im Irak. Nach den Attentaten vom 11. September 2001 forderte er einen Krieg gegen die internationalen Mörder.

Glucksmann hat sich in seinem Kampf gegen Despoten und totalitäre Regime auch dem Glauben an Humanität und Brüderlichkeit verschrieben. Wie wir helfen können? „Indem wir beginnen, laut und unmissverständlich Klartext zu reden, indem wir falsche Ausflüchte und Vorwände in entscheidenden Kernfragen aufdecken.“

Der Philosoph stammt aus einer jüdischen Familie osteuropäischen Ursprungs. Geboren wurde er am 19. Juni 1937 bei Paris, kurz nach der Flucht seiner Eltern aus Deutschland. Sein Vater kam nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht ums Leben. André und seine Mutter wurden in ein Lager bei Vichy gebracht, das sie jedoch wieder verlassen durften.

Er müsse sich empören, das sei ihm angeboren, erklärte er später. Und so prangerte er Europas Politik der Nichteinmischung an, die er den „Kniefall vor den Paten der Despotie“ nannte. Mit Deutschland ging er dabei besonders hart ins Gericht, weil es sich aus dem Libyen-Einsatz gegen Muammar al-Gaddafi herausgehalten hatte. Er warf der deutschen Bundesregierung vor, die Macht von Menschenschlächtern zu akzeptieren.

Glucksmann stand zu seinen Fehlern. In seiner Autobiografie „Wut eines Kindes, Zorn eines Lebens“ bereut er seine Verehrung für Mao Tsetung. In dem Werk spricht er offen über sein Leben, seine Weltanschauung, sein öffentliches Engagement, seine politischen Kämpfe, sein humanitäres Engagement und seine Irrtürmer. In „La République, la pantoufle et les petits lapins“ (etwa: Republik, Pantoffel und kleine Hasen) aus dem Jahr 2011 bekennt er, dass auch sein überraschender politischer Richtungswechsel vom überzeugten Linken zum Anhänger des ehemaligen konservativen Präsidenten Nicolas Sarkozy ein Fehltritt gewesen sei. Der Grund: Er habe in den letzten Jahren bei den französischen Linken die internationale Solidarität vermisst.

Seine Analysen des politischen Weltgeschehens haben ständig aufs Neue die öffentliche Moral schockiert. In seinem 1983 veröffentlichten Buch „Philosophie der Abschreckung“ rechnete er mit der Politik der Verteidiger der Friedensbewegung ab. Er forderte darin, der Bundesrepublik Deutschland Zugang zu Atomwaffen zu gewähren: „Man kann von den Deutschen nicht verlangen, Freiheit und Demokratie zu verteidigen und ihnen gleichzeitig die dafür notwendigen Waffen verweigern.“

Der Intellektuelle bezeichnete sich selbst als „ehrlichen Pessimisten“. Was ihn in seinem Denken vorangetrieben hat, war die Realität. „Die Existenzkrisen, die wir durchleben, halten verschiedene Schicksalswege für uns offen. Was mich vorangetrieben hat, war die Suche nach einem Leben ohne Illusionen.“