Bremen - Lang aufgeschossen, sehr entspannt und ausgesprochen freundlich steht Jan Lisiecki hinter dem Plattenstand und signiert geduldig CDs und Programmhefte. Vor dem Stand aufgereiht hat sich eine lange Reihe Fans, die dem Pianisten danken für das Konzerterlebnis, das er ihnen gerade bereitet hat. Dem jungen Schlaks indes sieht man die Anstrengung nicht an. Leichthändig und mit Bravour hat der Pianist aus Kanada seinen Teil des Konzertabends absolviert, mit sicherem Anschlag und eleganter Tongebung findet er einen eigenen Zugang zu Sergej Prokofjews zweitem Klavierkonzert in g-Moll op. 16.
Die Uraufführung des Konzertes im Jahr 1913 war ein veritabler Skandal, Prokofjew wurde von der Kritik fast erdolcht: „Es war, als ob er die Tasten abstaubt und manche dabei, je nach Zufall niederdrückte…‘“. Nun, 100 Jahre nach diesem Vorfall klingen die vier Sätze unter den Händen von Jan Lisiecki weder zufällig noch angestaubt.
Mit Verve und akkuratem Anschlag nimmt er die Spitzen und Klippen der Partitur und mit sachtem Fingerspiel lässt er die lyrischen Passagen schimmern. Auf impressionistische Passagen folgen in Scherzo und Finale groteske Sprünge, die an den späten Schostakowitsch erinnern. Begleitet wird Lisiecki bei diesem Klangkaleidoskop von den bestens aufgelegten Musikern der Kammerphilharmonie und vom Pult aus leitet Tarmo Peltokoski das Orchester mit Akribie und einer deutlichen Körpersprache. Noch aber hat der junge Dirigent aus Finnland den größten Teil des Abends vor sich.
Während der Pianist Autogramm um Autogramm schreiben darf, konzentriert sich Peltokoski auf den zweiten Konzertteil, der mit den zwei späten Sinfonien von Jean Sibelius nicht minder anspruchsvoll ist. Und anschließend wird er, quasi als Zugabe, noch ein kleines Schumann-Konzert im Kleinen Saal der Glocke geben.
Im Alter von 14 Jahren nahm Peltokoski sein Studium an der Sibelius-Akademie auf, studiert Klavier und Komposition (u. a. bei Jukka-Pekka Saraste und Esa-Pekka Salonen) und trat - als Solist am Piano - bereits mit allen großen finnischen Orchestern auf. Ein Tausendsassa, der offenkundig mit den Werken seines Landsmannes Sibelius auf vertrautem Fuss steht. Dessen beide letzten Sinfonien stehen hier nebeneinander. Lyrisch, mit viel nordischer Atmosphäre die viersätzige Sechste, klangmächtig die Siebte und letzte, 1924 unter der Leitung des Komponisten uraufgeführte ‚Phantasia Sinfonica‘ (so der ursprüngliche Titel des Werks) mit ihren weit auseinander klaffenden Stimmungen und atonalen Klängen.
Den so eigenen Sound des Nordens, den Sibelius so unnachahmlich erspürte, den liefert die Kammerphilharmonie hier mit agilen Streichern und mit den von Peltokoski immer wieder energisch geforderten Bläsern. Seit Januar 2022 ist der junge Finne „Principal Guest Conductor“ der Kammerphilharmonie und derzeit darf er mit dem Orchester ein kleines Jubiläum feiern: Seit nunmehr 30 Jahren hat das Orchester seinen Sitz in Bremen. Ein musikalisch wie ökonomisch unabhängiges Ensemble, das sich nicht von den Erwartungen des etablierten Marktes leiten lassen will. Man entscheidet gemeinsam über die Programmgestaltung und - wohl einzig in der Welt der großen Orchester, auch die Ökonomie wird gemeinschaftlich verantwortet. Begeistert honoriert man in der Glocke die Leistungen von Dirigent und Pianist, aber nicht weniger enthusiastisch wird das Orchester mit langem Beifall verabschiedet.
