Reepsholt - Wenn die Pianistin Elisabeth Leonskaja mit kompakten Akkordschlägen Franz Schuberts „Wanderer-Fantasie“ C-Dur D 760 eröffnet, dann rappelt’s im Karton. Doch je häufiger sie diesen hämmernden Grundrhythmus wiederholt, desto deutlicher wird auch: Kraftvolles Auftrumpfen ist für die seit 1978 in Wien lebenden Georgierin nur ein Mittel, um im Gegensatz dazu die verschatteten und zerrissenen Stimmungen noch intensiver wirken zu lassen.

Elisabeth Leonskaja, inzwischen 70 Jahre alt, gibt bei den „Gezeitenkonzerten” der Ostfriesischen Landschaft in Reepsholt im Kreis Wittmund einen Klavierabend, der alle in der voll besetzten St.-Mauritius-Kirche unentrinnbar ergreift.

Was die „letzte große Frau der großen sowjetischen Klavierschule” einmalig macht, ist ihr überlegenes Spiel mit Ferne und Nähe. Franz Schubert (unvollendete Sonate f-Moll D 625) und Johannes Brahms (sieben Fantasien op. 116) mustert sie immer wieder prüfend aus der Distanz – um sie dann innig in die Arme zu schließen.

Manuell gönnt sie sich keine Nachlässigkeiten. Dynamische Extreme treibt sie weder im Fortissimo noch im Pianissimo so weit an die Grenzen wie die jüngere Garde der Weltklasse-Pianisten. Doch wie sie diese Musik kalkulierend vom Kopf her und hingebungsvoll vom Herzen her ausbreitet, das machen ihr wenige nach.

In Schuberts Sonaten-Fragment schürt sie aufregend die Gegensätze, schreitet durch fremd wirkende Landschaften, um dann alle Düsternis durch warmes Licht zu vertreiben. In den Brahms-Fantasien zeigen die fünfte (e-Moll, Andante con grazia) und sechste (E-Dur, Andantino teneramente) dieses überlegene Ausgleichen von Gegensätzen, ohne blass oder abgeschliffen zu wirken. Sie lässt das komplizierte Flechtwerk in bröckelnder Schönheit zerfallen – und fügt dann alles Auseinanderstrebende straff zusammen.

Mit der Erfahrung von Jahrzehnten – sie spielt seit dem dritten Lebensjahr Klavier – kokettiert Elisabeth Leonskaja nicht. Wach und neugierig erforscht sie die reiche Innenwelt der elf Humoresken von 2007 von Jörg Widmann: Charakterstücke, Stimmungsstücke, nach innen gewendet, nach außen gekehrt, hellhörig, immer unmittelbar packend.

Es ist für Ostfriesland, wo schon so viele große Pianisten zu Gast waren, ein großer Abend.