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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Piraten entern Wilhelmshaven

08.09.2012

Wilhelmshaven Perfekter hätte die Kulisse nicht sein können. Das sanfte Licht der untergehenden Sonne beleuchtet die riesigen Container-Verladebrücken im Wilhelmshavener Jade-Weser-Port. Davor wie ein Ballett ein seltsames Hin und Her der hochbeinigen Container-Transportfahrzeuge, die dort im Probebetrieb für ihren Einsatz ab Ende September üben.

Mit einfachsten Mitteln ist ein Teil des neuen Hafens, der in zwei Wochen offiziell eröffnet werden soll, zum Theater umgebaut worden. Eine Stahlrohrtribüne, zwei Container, ein Haufen Autoreifen – das reicht, um die Zuschauer der Uraufführung des Stücks „Atalanta“ wirkungsvoll zu entführen.

Sechs Schauspieler

Es geht in eine völlig andere Welt. Eine Welt bitterer Armut, in der gleichwohl große Geschäfte mit gigantischen Gewinnen gemacht werden. Die Welt der Piraten und ihrer Opfer am Horn von Afrika. Und die Welt der Piratenjäger an Bord einer Marine-Fregatte, die dort für mehr Sicherheit auf dem unendlichen Indischen Ozean sorgen sollen.

Die europäische Marine-Operation „Atalanta“ am Horn von Afrika hat dem Theaterstück den Namen gegeben. Autor und Regisseur Jens-Erwin Siemssen hat für das Dokumentarspiel intensiv recherchiert, Interviews mit Opfern, Tätern und Soldaten geführt – und ein dichtes Stimmungsbild geschaffen, das die sechs Schauspieler der norddeutschen Theatertruppe „Das letzte Kleinod“ eindrucksvoll und überzeugend auf die improvisierte Bühne bringen.

Mit wenigen Ausstattungsmitteln gelingt es Regisseur und Darstellern, ganz viel auszudrücken: Bangen und Hoffen, Verzweiflung, Wut und akute Todesangst der Geiseln, die keine Chance gegen die mit modernen Waffen ausgestatteten Piraten hatten. Auf der anderen Seite die Täter, die keine andere Möglichkeit sehen, dem wirtschaftlichen Elend ihrer Heimat Somalia zu entkommen und die sich nach der Lösegeldübergabe höflich bedanken und um Entschuldigung bitten – offenbar auch nur sehr kleine Rädchen in einem sehr großen Spiel.

Weit vom Geschehen entfernt die oberflächliche, distanziert-wohlwollende Fürsorglichkeit der Reederei-Verantwortlichen. Und die Ratlosigkeit der Marinesoldaten, die ungewollt zu einem Teil des gigantischen Geschäfts gemacht werden, wenn sie am Ende lediglich Waffen und Boote der Piraten zerstören dürfen, die Täter aber freilassen müssen.

Gut gewählter Ort

Authentische Glaubwürdigkeit gewinnt die Inszenierung durch den Kunstgriff, die drei afrikanischen Darsteller englisch sprechen zu lassen. Bemerkenswert außerdem, wie vielseitig der Haufen Autoreifen eingesetzt wird. Nicht nur wegen des Spielorts mit seiner eindrucksvollen Kulisse ist Wilhelmshaven ein gut gewählter Ort für die Uraufführung. Schließlich sind dort die Marinesoldaten stationiert, die inzwischen seit Jahren regelmäßig am Horn von Afrika patrouillieren und die sich nicht nur während ihrer Einsätze fragen, warum es offenbar keine wirkungsvolleren Möglichkeiten gibt, gegen die Piraterie vor Somalia vorzugehen.

Die bedrückende Botschaft am Ende des Stücks: Es wird wie bisher weitergehen, weil das Ganze ein Teil eines riesigen Mafia-Systems ist. Nach dem Schlussapplaus hat übrigens auch die Ballett-Truppe der Container-Fahrer im Jade-Weser-Port Feierabend.

Jürgen Westerhoff Redakteur / Regionalredaktion
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