Weimar - Er machte wenig aus sich. Und er sah sich selbst melancholisch: „Vielleicht soll es so sein, dass ich gedemütigt werde, auf dass ich mir nichts darauf einbilde, dass ich manchmal Flügel der Morgenröte nehme und über diese Welt hinausfliege.“
Das waren, zugegeben, schöne, ja berührende Sätze. Aber angesichts seiner Feinde waren sie wenig nützlich. Die Angriffe auf Christoph Martin Wieland begannen im 18. Jahrhundert, also noch zu Lebzeiten des Klassikers. Dabei war der liberale Aufklärer einer unserer größten, heute leider in der Sturmflut des Vergessens versunkenen Autoren.
Schiller nannte ihn respektlos „die zierliche Jungfrau zu Weimar“. Die Frühromantik hackte am meisten auf dem armen Schriftsteller herum, der das Verspielte, Gedrechselte, das Warmherzige, Schöne und Antike liebte. Wie ein paar Jahrhunderte später einem deutschen Verteidigungsminister warf man dem Dichter schlicht Plagiate vor. Doch anders als der Minister machte Wieland, was ein guter Dichter schon mal macht: Er bezieht sich auf die Tradition, er schaut von den Schultern der Riesen der Vergangenheit, darunter Horaz und Ovid, in die Zukunft. Doch das kam bei den Romantikern oder Stürmer und Drängern nicht gut an. Man hielt Wieland für einen Schwamm, für einen Dichterschwamm, der alles aufsaugte. Man eröffnete, so wörtlich bei Friedrich Schlegel, über Wieland das „Konkursverfahren“, weil er angeblich das Eigentum von Fielding, Sterne, Voltaire, Horaz, Cervantes und sogar Shakespeare regelrecht geklaut haben soll.
Wie eine Ananas
Ein internationaler Plünderer! Nur einer, der brave Johann Gottfried Herder, verteidigte Wieland. Herder: „Desto besser. Umso reicher sind wir durch Wieland geworden. Die Ananas, die tausend feine Gewürze in ihrem Geschmack vereint, trägt nicht umsonst die Krone.“ Anders gesagt: Wieland war offenbar seiner Zeit voraus. Schaut man auf Dichter wie Bertolt Brecht oder Heiner Müller, findet sich viel Ananas. Doch die Haltung Herders setzte sich nicht durch.
Im Gegenteil: Der Pfarrerssohn Wieland wurde beschimpft. „Der infame französische Hundsfott“ hieß es 1777. Ein Wollustsänger, zudem freigeistig. Sein Buch „Amadis“ sei ein reines „Hurenhaus“ (dabei war es feine Dichtung). Wieland schildere nur „geile Tierseelen“. Die Aburteilung führte bis zur stellvertretenden Hinrichtung. So geschehen während einer Feier des nationalistischen Göttinger Hain-Bundes.
Die Hain-Bündler hatten sich heiß getrunken und gequatscht. Dann ging es los. „Einer trug die Erzählung von Wieland herbei“, erzählt eine zeitgenössische Quelle. „Verbrannt“ rief es umher. Und sogleich loderte die Flamme auf. „Hier auch, rief ein anderer, das Fratzengesicht“. Gemeint war Wielands Bildnis, der Mann war tatsächlich nicht allzu hübsch. „Ein Jubel entstand, da dreimal das arme Bild Wielands von der Hitze wieder auffuhr“.
Der Wald und die Bäume
Wieland war in den Augen der Kritiker zu verspielt, zu französisch, zu undeutsch, zu wollüstig. Dabei war Wieland ein literarisches Universum. In den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts huldigte ihm nach Arno Schmidt noch einmal der Greno-Verlag mit fantastischen Ausgaben, lobte Jan Philipp Reemtsma – ein vorzüglicher Kenner der Materie – ihn als Autor.
Doch Wieland war schon literarisch mausetot, als man im 19. Jahrhundert begann, ihn nach deutscher Art in Werkausgaben gründlich zu beerdigen. Das Gute am Schlechten ist indes, dass man heute den anmutigsten Schriftsteller, den das literarische Rokoko hervorgebracht hat, neu entdecken kann.
Und zwar als ersten Übersetzer Shakespeares, als Bearbeiter antiker Mythen und französischer Feenmärchen. Und als Autor jenes Satzes, nachdem man zuweilen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht.
