Navigation überspringen
nordwest-zeitung
Abo-Angebote ePaper Newsletter App Prospekte Jobs Immo Trauer Shop

Autor John von Düffel über Alltag und Sehnsucht Digitale Krücken für den aufrechten Gang

Potsdam - Still ruht der See, nicht starr. John von Düffel muss selbst dafür sorgen, dass ihm „sein“ Element erhalten bleibt. „Es gibt bei mir zu Hause in der Nähe von Potsdam einen kleinen See, in den ich fast jeden Tag schwimmen gehe. Ich fühle mich dem Wasser sehr verbunden. Deshalb nutze ich jede Gelegenheit“, sagt der renommierte Dramaturg und Schriftsteller, der in Oldenburg aufwuchs und arbeitete. Während dieser scheinbar endlosen Corona-Zwangspause bleibt dem 54-Jährigen durch den Triathlon im Alltag mit Laufen, Radfahren und Schwimmen ein Rest Normalität.

Von der Straße gefegt

Als sein Buch „Der brennende See“ im Februar 2020 erschien, wurde es vom Feuilleton schnell als Generationenroman zum dringlichsten Thema unserer Zeit besprochen. Gemeint war der Kampf um Klimagerechtigkeit und die Auseinandersetzung zwischen Jung und Alt. Zu diesem Zeitpunkt betrat indes das Virus die Weltbühne und fegte die Protestwelle von „Fridays for Future“ von der Straße und aus den Vorderköpfen. Seither ist Corona selbst das beherrschende Thema und veränderte alles – auch den Blick in die Zukunft.

Für John von Düffel bedeutet dies auch: keine Buchpräsentationen, keine Lesungen, keine Aufführungen, höchstens virtuell, kein leibhaftiger Kontakt zu den Studierenden im Fach „Szenisches Schreiben“ an der Universität der Künste Berlin. „Digital ist die vorherrschende Kommunikationsform. Die Erstsemester habe ich bislang nur am Bildschirm erlebt.“

Hat er Zweifel, dass der Fortschritt uns die Zukunft nimmt? „Das kann man noch nicht beantworten. Die digitalen Möglichkeiten sind Krücken, mit denen wir uns in dieser Zeit fortbewegen können. Ich bin in Sorge, dass wir uns zu sehr daran gewöhnen und uns mit fortschreitender Zeit nicht mehr erinnern, was wir damit verlieren“, sagt von Düffel. Zum Beispiel das wohlige Gefühl, wie reizvoll es ist, in besitzergeführten Geschäften einzukaufen, in kleinen Buchhandlungen zu stöbern, dort Leseabende abzuhalten und hinterher beim Getränk miteinander darüber zu sprechen. „Es tut mir in der Seele weh.“

„Theater wird überleben“

Von Düffels neue sicht auf „Wasser und andere Welten“

John von Düffel ist 1966 in Göttingen geboren und in Oldenburg zur Schule gegangen. Ende der 90er Jahre war er Dramaturg am Oldenburgischen Staatstheater. Derzeit arbeitet von Düffel in selber Funktion am Deutschen Theater Berlin und ist Professor für Szenisches Schreiben an der Berliner Universität der Künste. Von Düffel lebt in Potsdam. Sein Buch „Wasser und andere Welten. Geschichten vom Schwimmen und Schreiben“ (160 Seiten, 10 Euro) erscheint am 12. Februar als aktualisierte Neuausgabe.

Wegen des Theaters als Institution hat der Dramaturg und Autor fast die geringsten Befürchtungen. „Das Theater hat sich seit Shakespeares Zeiten gegen viele äußere Widrigkeiten durchgesetzt – sogar gegen die Pest. Dennoch sorge ich mich um die vielen jungen Schauspielerinnen und Schauspieler, denen wird ohne Publikum der Resonanzboden genommen. Das analoge Erleben kann digital nicht ersetzt werden.“

Fast genau ein Jahr nach der Veröffentlichung von „Der brennende See“ bringt sein Verlag Dumont in zwei Wochen den Titel „Wasser und andere Welten. Geschichten vom Schwimmen und Schreiben“ heraus. Die aktualisierte Taschenbuch-Neuausgabe ist mehr als ein literarisches Lebenszeichen. 18 Texte zum Schwimmen und Schreiben bilden eine frische Melange aus neuen Gedanken zu bekannten Themen.

Aus der Krise lernen

Die Bewältigung der Pandemie scheint angesichts verschärfter Verhaltensregeln und zunehmender Impfungen eine Frage der Zeit. John von Düffel fordert, den Klimawandel im selben Maß als gesamtgesellschaftliche Aufgabe anzunehmen und zu bekämpfen. „Wenn wir aus dieser Krise nichts lernen, haben wir es nicht anders verdient.“

Oliver Schulz
Oliver Schulz Redaktion Kultur/Medien (Ltg.)
Themen
Artikelempfehlungen der Redaktion
Die Mitglieder vom BSV Kickers Emden stimmen am Donnerstagabend für die Ausgliederung der ersten Herren in eine GmbH.

POSITIVES VOTUM Mitglieder geben Grünes Licht für die Kickers-Emden-GmbH – Rießelmann spricht von „Happy End“

Lars Möller
Emden
Stellten die Ausweitung des Konzeptes „Wilhelmshaven sicher“ auf den Busverkehr der Stadtwerke-Verkehrsgesellschaft vor: (v.li.) Frank Rademacher (Geschäftsführer Stadtwerke-Verkehrsgesellschaft Wilhelmshaven), Polizeidirektor Heiko von Deetzen, Projektleiter und Polizeihauptkomissar Tim Bachem und Oberbürgermeister Carsten Feist.

POLIZEIPRÄSENZ IM BUSVERKEHR Hausrecht der Polizei stärkt ab sofort Sicherheit in Bussen

Lutz Rector
Wilhelmshaven
Kommentar
Klimaaktivisten der Gruppe „Fridays for Future“ in Saarbrücken werfen Bundeskanzler Scholz vor, bei seinem Besuch in der vom Hochwasser betroffenen Region und in seiner Ansprache „die Klimakrise fahrlässig ausgeblendet“ zu haben.

UMWELTPOLITIK Durch mehr Klimaschutz gibt’s nichts zu verlieren

Jana Wolf Büro Berlin
Eine junge Lehrerin schreibt Mathematikaufgaben an eine Schultafel. Niedersachsen will 390 Schulen im Land nach Sozialindex stärker fördern.

NEUES PROGRAMM FÜR 390 SCHULEN Wie Niedersachsen mehr Bildungsgerechtigkeit herstellen will

Stefan Idel Büro Hannover
Hannover
Lara und Philipp Schumacher wollen gemeinsam mit ihren drei Kindern ein neues Leben auf Mallorca beginnen. Dafür bereiten sie seit Jahren alles vor – und der letzte, mehrmonatige Aufenthalt vor der Auswanderung begann mit einem herben Rückschlag.

BETROGEN UND ENTTÄUSCHT Emder Familie kämpft nach Betrug auf Mallorca um ihren Traum

Aike Sebastian Ruhr
Emden