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NWZonline.de Nachrichten Kultur

“munderloh“ Von Peter Suhrkamp: Heimatort erhielt in KZ-Haft literarisches Denkmal

06.04.2020

Potsdam /Kirchhatten Den 14. April 1945 erleben die Bürger in Potsdam als schönen Frühlingstag mit blauem Himmel. Bislang ist die Stadt von Bombenangriffen weitgehend verschont geblieben. Im Städtischen Krankenhaus liegt der Patient Peter Suhrkamp. Der Verleger hatte sich in der KZ-Haft eine schwere Lungenentzündung zugezogen. Nach seiner überraschenden Freilassung aus der Haft am 8. Februar 1945 hatte ihn Hermann Kasack, Lektor und Autor, ins Städtische Krankenhaus gebracht. Seither genas der Verleger des Suhrkamp-Verlags. Es sollte seine letzte Nacht in einem Krankenhausbett in Potsdam werden. Am Abend bombardierten britische Flugzeuge die Stadt, Krankenhäuser, Wohnhäuser und städtische Einrichtungen, die Garnisonkirche und der Bahnhof werden ein Raub der Bombardierung. Augenzeugen sprechen von einem Inferno.

Verlag von Weltgeltung

Suhrkamp überlebt die Bombardierung. Er kommt im Wohnhaus des Chefarztes unter, überlebt das Kriegsende – und erhält im September 1945 als erster eine Lizenz für einen Buchverlag in Berlin. Es ist die Wiedergeburt des renommierten Verlags, der in den 50er Jahren, nun schon am Verlagssitz Frankfurt/Main, mit Autoren wie Bertolt Brecht, Marcel Proust und Hermann Hesse, aber auch Philosophen wie Theodor W. Adorno und Walter Benjamin Weltgeltung erlangt. Während Suhrkamps Haftzeit entsteht im Dezember 1944 und Januar 1945 im Gestapogefängnis Lehrter Straße in Berlin ein Romanfragment. Unter dem Titel „Munderloh“ (zusammen mit vier anderen Erzählungen) erscheint es 1957 zum 80. Geburtstag Hermann Hesses. Mit „Munderloh“ bekennt er sich zu seiner Heimat im Oldenburgischen – Suhrkamp stammt aus Kirchhatten, besucht von 1905 bis 1911 das Lehrerseminar in Oldenburg und wird, wie sein Mit-Seminarist Georg von der Vring, Soldat im Ersten Weltkrieg (und wie von der Vring wird er Leutnant). Der Roman „Munderloh“ bleibt unvollendet, etwa ein Drittel des ursprünglich konzipierten Umfangs, entsteht in der Gestapohaft. Ein wenig autobiografisch angehaucht ist die Erzählerperson, ein musizierender Lehrer: „Als junger Lehrer war ich an einem Orte Munderloh in der Ebene im Norden unseres Landes angestellt“, heißt es in „Munderloh“ (Suhrkamp war Junglehrer in Idafehn und Augustfehn).

Als Reformpädagoge

Dort habe er mehr mehr „Dichtungsgestalten“ vorgefunden als anderswo. Freilich seien es Helden der urtümlicheren, einfältigeren, eher archaischen Art, urteilt der Erzähler in „Munderloh“ und entwickelt daraus die Schilderungen vom Leben auf dem Dorf, von den Konflikten, Lebensentwürfen und Sehnsüchten der Menschen.

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Wie war Suhrkamp eigentlich in Gestapo- und KZ-Haft gekommen, aus der er gesundheitlich schwer gezeichnet Anfang Februar 1945 entlassen wurde? Suhrkamp hatte nach dem Ersten Weltkrieg als Reformpädagoge gearbeitet, auch als Regisseur und Dramaturg für das Darmstädter Theater. Ab 1929 schrieb Suhrkamp für das „Berliner Tageblatt“, dann für das populäre Magazin „Uhu“ (Ullstein Verlag). 1933 wechselte Suhrkamp als Chefredakteur zur Kulturzeitschrift „Die neue Rundschau“, die im S. Fischer Verlag erschien. Ab Herbst 1933 war Suhrkamp dann auch Vorstandsmitglied und leitete den S. Fischer Verlag nach dem Tod des Verlegers Samuel Fischer (1934) sowie nach dem Exil von Gottfried Bermann Fischer (1936), treuhänderisch, ab 1942 unter dem Namen Suhrkamp Verlag.

Suhrkamp setzte auf Lektoren wie Oskar Loerke und Hermann Kasack und auf Autoren wie den bei den Nazis suspekten Hermann Hesse. Er geriet in das Visier der Gestapo, die 1943 einen Spitzel in den Verlag einschleuste. Paul Reckzeh, damals 30 Jahre und seit Studienzeiten (1933) Parteimitglied der NSDAP, entschloss sich 1943, für die Gestapo zu spitzeln. Unter dem Vorwand, er könne Kontakte zu deutschen Emigranten in der Schweiz herstellen, sprach er Suhrkamp an. Der wiegelte Reckzeh ab, versäumte es aber, diese Offerte offiziell zu melden.

Suhrkamp observiert

Reckzehs Führungsoffizier war der Kriminalrat Herbert Lange, der sich unter anderem bei der Ermordung von Geisteskranken, Polen und Juden (Sonderkommando Lange) hervorgetan hatte. Lange entschied, Suhrkamp weiter zu observieren. Am 13. April 1944 ließ Lange Suhrkamp in Berlin verhaften. Die Anklage wegen Hoch- und Landesverrats wurde zwar im Sommer 1944 niedergeschlagen, Suhrkamp blieb aber in Haft – in der Lehrter Straße, im KZ Ravensbrück und im KZ Sachsenhausen, von wo aus er im Februar 1945 todkrank entlassen wurde. Der Agent provocateur Reckzeh fuhr 1943 tatsächlich in die Schweiz, um deutsche Emigranten auszuforschen. Er war Hauptbelastungszeuge im Verfahren vor dem Volksgerichtshof gegen die Autorin Elisabeth von Thadden (Solf-Kreis), die am 8. September 1944 hingerichtet wurde. Traurige Ironie der Geschichte: Elisabeth von Thadden war eine Halbschwester des späteren NPD-Gründers Adolf von Thadden.

Der Spitzel Reckzeh hatte Dutzende von Menschen an die Gestapo verraten. Er wurde 1945 von der sowjetischen Spionage-Abwehr „Smersch“ verhaftet und bis 1950 ohne Prozess in Haft gehalten. 1950 wurde er in Chemnitz zu 15 Jahren Haft verurteilt, 1952 amnestiert. Er siedelte in den Westen, kehrte jedoch in die DDR zurück, weil in der Bundesrepublik eine Anklage drohte. In der DDR praktizierte er als Arzt. 1978 verriet er seine Tochter, die in den Westen flüchten wollte, an die Stasi.

Hans Begerow Leitung / Politik/Region
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