Oldenburg - Während es draußen wie aus Eimern schüttet, soll drinnen mal wieder ein Hochamt des Lokalpatriotismus zelebriert werden. Bürgermeister Superba persönlich klemmt zwei Star-Spangled Banners an die Sprossenwände der örtlichen Mehrzweckhalle: Der Stadtrat von Big Cherry hält seine wöchentliche Sitzung ab. Also alles wie immer, wenn da nicht das neue Stadtratsmitglied Mr. Peel wäre, der die letzte Sitzung wegen eines Trauerfalls verpasst hat und nun viele Fragen stellt – zu viele, wenn es nach den übrigen Honoratioren geht.
Große Fragen
Überhaupt geht es in Tracy Letts’ Komödie „Die Schlacht am Mackie Creek“, die im Kleinen Hauses im Oldenburgischen Staatstheater Premiere feierte, um viele große Fragen: Wer sind wir? Wer wollen wir sein? Und welchen Platz haben Verantwortung und Schuld in unserem Selbst- und Weltbild? Für Peel geht es erst mal um die Fragen: Was ist in der Sitzung am 25. Oktober vorgefallen? Und warum ist Mr. Carp seitdem nicht mehr Mitglied im Rat? Ein Protokoll, das Antworten liefern könnte, gibt es nicht. Und sofort gelingt es dem Stück unter der Regie von Peter Hailer, den Zuschauer, der ebenfalls wissen möchte, was etwa die rätselhaften Andeutungen der Protokollführerin Ms. Johnson zu bedeuten haben, in seinen Bann zu ziehen. Nach und nach schält sich die schockierende Wahrheit heraus und am Ende stehen Antworten, die das Selbstverständnis der Bewohner Big Cherrys infrage stellen (könnten).
Während sich die Stadtratsmitglieder als Hüter von Gemeinschaft und Ordnung feiern, sind sie in höchstem Maße political incorrect, egoistisch, korrupt, Mitläufer oder mit Medikamenten zugedröhnt. Hier bietet das glänzend aufgelegte elfköpfige Ensemble eine großartige Leistung. Schnell kristallisieren sich die einzelnen Figuren mit ihren charakterlichen Defiziten heraus, die bis in die letzte Pointe ausgekostet werden.
Das Lachen, das in dieser Komödie nicht zu kurz kommt, bleibt einem jedoch irgendwann im Halse stecken. Denn auch Trump scheint nicht weit: Die Stadträtin Ms. Innes erscheint mit einer Bison-Kopfbedeckung, die an den „Bison man“ Jake Angeli erinnert, der zusammen mit Hunderten anderer Trump-Anhänger am 6. Januar vergangenen Jahres das Kapitol in Washington gestürmt und einen verachtenswürdigen Angriff auf die Demokratie unternommen hatte.
Bequemes Schweigen
Die Tagesordnung, die den behindertengerechten Umbau eines Springbrunnens und das alljährliche Big Cherry Festival umfasst, nehmen die Ratsmitglieder zum Anlass, dem Neuling Peel den Gründungsmythos der Stadt, die Schlacht am Mackie Creek, eindrucksvoll nahezubringen. Doch der historische „Sieg“ von Sergeant Otto Pym über vermeintlich marodierende Indianerhorden, der zur DNA der Stadt geworden ist, erscheint Peel wenig glaubwürdig. Das Thema ist heikel, denn der „American Dream“, der für viele Europäer Freiheit und Wohlstand verhieß, bedeutete für die indigene Bevölkerung einen Albtraum: Ermordung, Vertreibung und Ausbeutung.
Doch wie mit diesem schweren Erbe, der Kollektivschuld umgehen? Die Mehrheit des Stadtrats hat es sich in der Bequemlichkeit des Schweigens ganz gut eingerichtet und will ihre Deutung der Vergangenheit nicht aufgeben. Schließlich geht es um Macht und Überlegenheit. Doch irgendwann bröckelt auch die letzte Fassade und Wildheit und Brutalität treten zu Tage. Welche Schlüsse wird Mr. Peel daraus ziehen? In rund 100 Minuten gibt es viele Antworten, die nachdenklich stimmen und das Stück zur brillanten Parabel auf den Zustand einer Gesellschaft machen, die Fakten wider besseres Wissen als Fake News abtut und die eigene Freiheit mit der Unterdrückung des anderen bezahlt. Dafür gibt es großen Applaus – völlig zu Recht.
