Berlin - Brillanter Intellektueller, literarischer Provokateur, reaktionärer Außenseiter, elitärer Sprachkünstler - die Zahl der Etiketten, die Botho Strauß angehängt werden, belegen die Bandbreite dieses ungewöhnlichen Autors. Mit seinen Stücken hat er das deutsche Nachkriegstheater geprägt wie kaum ein anderer; seine gesammelte Prosa ist wie ein Puzzle längst zu einer Gesamtaufnahme deutscher Befindlichkeiten angewachsen.

Am Dienstag (2. Dezember) wird Strauß 70 Jahre alt - und bleibt fernab vom Rummel im ungeliebten Berlin weiter in der Einsamkeit der Uckermark. Mit einem handgefertigten Gehstock stromert der hochdekorierte Büchner-Preisträger dort mutterseelenallein durch die Wälder des Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin. „Niemals sich blitzen, filmen, verhören, ehren oder sonst wie erwischen lassen“, hatte er schon in seinem legendären Prosaband „Paare, Passanten“ (1981) als Parole ausgegeben - und sich (fast) immer daran gehalten.

Vor allem die Theaterstücke haben den Ruf von Botho Strauß als „Glücksfall“ für die deutsche Literatur begründet. Nach fünf Jahren als Dramaturg an der West-Berliner Schaubühne schaffte er 1977 mit „Trilogie des Wiedersehens“ den Durchbruch als Autor. Auch in seinen weiteren Stücken - etwa „Die Zeit und das Zimmer“, „Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle“, „Der Kuss des Vergessens“ oder „Schändung“ - bleibt die Brüchigkeit menschlicher Beziehungen, das Scheitern und Versagen an der Gesellschaft das bestimmende Thema.

Doch die Zeiten, als große Regisseure wie Claus Peymann, Luc Bondy, Patrice Chérau, Matthias Hartmann und Dieter Dorn sich um jedes neue Stück rissen, sind vorbei. „Man kann nicht mit 70 noch Theaterstücke schreiben, das ist unappetitlich“, sagte Strauß dem Schweizer Magazin „Weltwoche“ 2013 in einem seiner äußerst raren Journalistengespräche.

Wie frisch, neu und lebendig selbst das Frühwerk des Meisters noch sein kann, zeigte jedoch Oscar-Preisträgerin Cate Blanchett als Lotte Kotte in der angelsächsischen Adaption von „Groß und Klein“ (1978). Die hochgelobte Produktion der Sydney Theatre Company erntete 2012 auch in Wien, Paris, London und bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen Beifallsstürme.

Derweil rückt Strauß mehr mit seinem Prosawerk in den Blickpunkt, an dem er seit „Paare, Passanten“ ebenfalls mit nicht versiegender Produktivität arbeitet - Kurzgeschichten, Miniaturen, Collagen und Aphorismen. Sein vielleicht größer Fan, der Schriftsteller, Musiker und Schauspieler Heinz Strunk, veröffentlichte zum 70. Geburtstag die Anthologie „Der zurück in sein Haus gestopfte Jäger“. Die Werkauswahl solle Botho Strauß auch jenen nahebringen, die ihn bisher gerüchteweise für „zu kompliziert, elitär, anstrengend“ gehalten hätten, schreibt Strunk unverblümt.

Und auch der Autor findet einen ganz neuen Ton. Ende September erschien - bald in dritter Auflage - das Bändchen „Herkunft“, in dem er berührend offen von seiner Jugend im Lahnstädtchen Ems erzählt - und vor allem von seiner Sehnsucht nach einem liebevollen, weniger weltenttäuschten Vater. „Den Vater und mich verbindet so etwas wie eine bürgerliche Moral des Scheiterns, das sich über die Generationen fortsetzt in unserem schlichten Geschlecht.“

Scheitern? Ob er damit wohl auch den Zorn meint, den er sich in der linksliberalen Szene mit seinen kulturpessimistischen bis reaktionären Essays regelmäßig zuzieht? Den Auftakt machte 1993 der Beitrag „Anschwellender Bocksgesang“ im Nachrichtenmagazin „Spiegel“, der ihm den Vorwurf von Nationalismus und intellektueller Brandstifterei eintrug. Im vergangenen Jahr attackierte er in dem Band „Lichter des Toren“ den Siegeszug des Massengeschmacks und attackierte den „Markt des breitgetretenen Quarks“ in der Literatur.

Doch Strauß wäre nicht der „Sonderling“ und „Außenseiter“, als den er sich selbst so stolz wie klagend sieht, stünde er nicht zu seinen Thesen. „Ich teile nur auf den verschlungenen Pfaden, auf denen ich selbst am liebsten unterwegs bin, etwas mit“, sagt er. „Wen es angeht, der wird schon darauf aufmerksam werden.“