RASTEDE - Mark Spitzauer inszenierte das Stück des alkoholkranken Schriftstellers. Ulf Goerges spielt Erwin Sommer, Sylvia Meining gleich mehrere Rollen.

Von Simone Wiegand

RASTEDE - Unter Klaustrophobie sollte man nicht leiden, wenn man das Theater Orlando im Palais Rastede besucht: Die neue Produktion „Der Trinker“ spielt hinter einer Glasfront, die den ohnehin kleinen Raum in der Mitte gnadenlos trennt.

Diesseits finden 30 Stühle in drei Reihen Platz, jenseits der Scheibe ein Krankenhausbett in weißer, steriler Umgebung. In der Bühnenecke steht ein Paravent, hinter den sich Schwester Elisabeth (Sylvia Meining) zurückzieht, wenn der Trinker Erwin Sommer (Ulf Goerges) sein verkorkstes Leben Revue passieren lässt.

Der Schriftsteller Hans Fallada (1893–1947) schuf mit dem Roman „Der Trinker“ ein autobiografisches Psychogramm. Fallada, der eigentlich Rudolf Ditzen hieß, kannte Verzweiflung und Ausweglosigkeit der Alkoholsucht nur zu gut. Sie brachte ihn in Entzugsanstalten und wegen Betrugs und Unterschlagung auch ins Gefängnis. Als 1944 seine Ehe scheiterte und er daraufhin versuchte, auf seine Frau zu schießen, wurde er als nicht zurechnungsfähig in die Strelitzer Landesanstalt eingewiesen. Dort schrieb er in kurzer Zeit den „Trinker“- Roman.

1995 wurde Falladas Roman verfilmt. Harald Juhnke erhielt mit der Verkörperung des alkoholkranken Erwin Sommer eine Paraderolle. Für die Bühne hatte der Schauspieler Bernd Ludwig bereits 1994 eine Fassung geschrieben, auf die nun auch das Theater Orlando zurückgreift.

Regisseur Mark Spitzauer, der auch schon für das Oldenburgische Staatstheater inszenierte, gibt dem Stück einen professionellen Rahmen. Die Idee mit der Glaswand ist im Grunde prima. Sie hält zwar den verdreckten und verschmierten Alkoholkranken auf Distanz, lässt aber die damit verbundene Scham hindurchkriechen. Auch die Projektionen auf dem Paravent sind pfiffig, die ein Schattenbild von Sommers tüchtiger Ehefrau Magda zeichnen.

Sylvia Meining übernimmt alle weiblichen Parts. So ist sie hauptsächlich die strenge, leicht aufgesetzt wirkende Krankenschwester Elisabeth, die den Süchtigen wortlos und grob wäscht, während der mit großen Kinderaugen was von Rum faselt. Und sie ist auch Elinor, ein Schankmädchen und Sommers Königin des Alkohols.

Das Hauptaugenmerk des Stückes liegt auf Ulf Goerges, der mit aufgerissenen, rotgeränderten Augen und dreckigen Unterhosen überzeugend einen wirren Kranken abgibt. Vielleicht liegt es an der Glaswand, dass die ganz tiefe Tragik dieses Stückes indes zeitweilig etwas verborgen bleibt.