Oldenburg - Ausgerechnet ein Engländer, der Komponist John Rutter, hat mit dem Rattenfänger von Hameln eine urdeutsche Sage zu einer Jugendoper vertont. Vielleicht lag es daran, dass es mehr als 30 Jahre dauerte, bis es „The Piper of Hamelin“, 1980 in Cambridge uraufgeführt, an eine deutsche Bühne geschafft hat. In Oldenburg feiert das mitreißende Stück an diesem Sonnabend in der Exerzierhalle Premiere – Thomas Honickel, der musikalische Leiter im „Jungen Staatstheater“, hat es mit dem Kinder- und Jugendchor „Klanghelden“ in intensiver einjähriger Probenarbeit einstudiert. Die gut 50-minütige Oldenburger Version ist erst die zweite Inszenierung des Stücks in Deutschland. 2012 hatte Honickel es an seiner vorherigen Station für das Beethoven-Orchester Bonn zur Erstaufführung gebracht.

In Oldenburg habe Regisseur Jens Kerbel, der 2014/15 bereits die Familienoper „Pinocchios Abenteuer“ im Großen Haus inszenierte, „fantastisch“ mit den „Klanghelden“ gearbeitet, lobt Honickel: „Sie werden nach diesem Stück andere Menschen sein. Sie sind an dem Stück unheimlich gewachsen“, hebt der Musikpädagoge hervor.

Rutters Musik ist eine Mischung aus Klassik, englischer Musiktradition, Pop und Jazz. Anspruchsvolle solistische Partien, facettenreiche und illustrierende Orchesterklänge sowie eine spannende Handlung mit überraschendem Ende machen das Werk zu einem Ereignis: Schon zu Beginn markiert die Ouvertüre den Widerspruch zwischen ländlich-behaglichem Idyll und der Bedrohung durch die Rattenplage. Der Chor als tragende Säule erzählt von den Heerscharen kleiner Nager.

„Ach, diese schrecklichen Ratten“, stöhnt der Bürgermeister auf der Bühne. Leonard von Steuber brilliert in dieser Rolle – „er ist der erste Bariton, den wir großgezogen haben“, sagt Honickel stolz, „ein echtes Talent.“ Dem Bürgermeister kommt der „Piper“ wie gerufen, der das Ungeziefer wie versprochen mit seinem Flötenspiel in die Weser lockt und die Bürger so von der furchtbaren Plage befreit.

Schade nur, dass der trunksüchtige Bürgermeister und der korrupte Stadtrat kein Geld mehr für die Bezahlung des Rattenfängers übrig haben. Der sieht sich gezwungen, die Kinder der Stadt in eine bessere Welt zu entführen – mit einem berührenden Lied („I can show you a joyous land“), das wie alle anderen Stücke der Oper im englischen Original gesungen wird. Die gesprochenen Dialogtexte wurden hingegen ins Deutsche übersetzt. Das Bühnenbild und die Kostüme gestalteten zwei Studentinnen der Toneelacademie Maastricht: Anna Kurz und Liz Bruininkx.

Thomas Honickel ist froh, dass nach der schon ausverkauften Premiere ab Februar weitere Vorstellungen folgen werden. Das Stück soll auch in die neue Spielzeit übernommen werden.

Lampenfieber kann Honickel bei seinen Schützlingen vor dem großen Tag nicht feststellen: „Ich bin überrascht, wie cool die sind.“ Es herrsche eine „schöne prickelnde Aufregung“. Der Premiere werde „entgegengehungert“.