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NWZonline.de Nachrichten Kultur

THEATER: Rebellen im tristen Zweireiher

29.10.2007

BREMEN Das Drama um den auflodernden Freiheitskampf der Schweizer, der schließlich im Tyrannenmord gipfelt, erzählt von der Geburtsstunde der direkten Demokratie. Umso überraschender ist es, dass Regisseur Christian Pade die Handlung nicht nur komplett nach Deutschland verlagert, sondern ausgerechnet an den zentralen Schauplatz der indirekten Demokratie: ins Parlament. Alexander Lintl hat ihm dafür einen stilisierten Plenarsaal gebaut, mit nationalen Symbolen und mächtigem Schwarz-Rot-Gold. Die angehenden Rebellen, die bei Pade also keine Schweizer mehr sind, begegnen uns im grauen Ein- oder Zweireiher und wirken sehr klein im großen parlamentarischen Raum.

Genau hier liegt das Problem der Inszenierung. Denn diese blassen Herren, die da leise (zum Unmut des Publikums manchmal kaum zu verstehen) von Freiheit reden, erinnern uns zu sehr an zweitklassige Politikerdarsteller, als dass wir uns näher mit ihnen beschäftigen möchten. Wir trauen ihnen eine solide Lobbyarbeit, vielleicht noch Auftritte in einschlägigen Talkshows zu, aber gewiss keine Revolution.

Wilhelm Tell selbst, der berühmte Held wider Willen, tritt als eine Art außerparlamentarischer Desperado auf, eine Interpretation, die nur funktioniert, wenn man Familie und Gottesfurcht der Hauptfigur großzügig ausblendet. Immerhin bietet das zumindest Götz Argus eine Chance, die Figur mit Kraft und Format auszustatten. Ansonsten bleiben zwischen all den großen Zeichen und Symbolen die Schauspieler weitgehend sich selbst überlassen, viele Figuren austauschbar.

Allein Sven Fricke und Martin Baum gelingt es, sich trotzdem freizuspielen, Fricke verhilft Ulrich von Rudenz zu einer mehrdimensionalen Persönlichkeit und Baum gibt Gessler überzeugend als machtberauschten Technokraten.

Wenn wir zudem mit zahlreichen Bedeutungsangeboten (RAF-Terror, deutsche Einheit, Stasi-Akten) allein gelassen werden, ohne dass der Regisseur uns eine konsequente Ausführung seiner Ideen gönnt, verstärkt das die Ermüdung, die einen im Laufe des Abends schleichend ergreift. Die interessante und nach wie vor aktuelle Frage, die Schiller angesichts der entfesselten Gräueltaten der Französischen Revolution bewegt hat: nämlich, ob der Mensch mit seiner neu gewonnenen individuellen Freiheit überhaupt umgehen kann, scheint Pade leider nur sehr am Rande zu interessieren.

Nun treten Theater einer Region bekanntermaßen nicht gegeneinander an, bereichern vielmehr im besten Falle einander und ihr Publikum. Hier aber drängt sich ein Vergleich mit der Wilhelmshavener „Tell“-Inszenierung auf – und führt zu einer Art Pokalderby-Ergebnis.

Die kleine Landesbühne hat unlängst mit ihrer klugen und hintersinnigen Inszenierung nicht nur gezeigt, wie man sich durch genaue Arbeit großen Themen nähert, sondern vor allem, wie ein ideenreicher Regisseur Schauspieler intelligent führen kann. Das Bremer Publikum dagegen reagierte durchaus gereizt auf diesen „Tell“: mit kräftigen Buhs für den Regisseur nach freundlichem Applaus für die Schauspieler.

Karten: 0421/36 53 333

Lesen Sie alle NWZ-Theaterkritiken: www.NWZonline.de/theater

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