Duisburg - Ballett ohne Tanz: Mit Igor Strawinskys berühmtem „Le Sacre du Printemps“ ist am Freitag in Duisburg die Ruhrtriennale eröffnet worden – und Knochenmehl ersetzt dabei die Tänzer. Die radikale Inszenierung von Romeo Castellucci überzeugt, lässt das Publikum jedoch irritiert zurück.
Tiere als Opfer
Castellucci legte seiner Inszenierung eine Aufnahme des Ensembles MusicAeterna unter dem Dirigenten Teodor Currentzis zugrunde, der kompromisslos die Rohheit und Brutalität betont, die Strawinsky seinem „Frühlingsopfer“ eingeschrieben hat. Auch das Ambiente der Aufführung hat nichts Angenehmes: Die Gebläsehalle im Landschaftspark Duisburg-Nord trägt die Narben ihrer Industrievergangenheit.
In dem 1913 uraufgeführten Originalstück geht es um die Opferung einer Frau an einen Frühlingsgott. Castellucci, der für Regie und Konzept verantwortlich zeichnet, hängt nun in den hohen Bühnenraum Behälter in den Schnürboden, die mit Tiermehl gefüllt sind. Der Musik folgend, öffnen computergesteuerte Maschinen synchron die Behälter – spielt das Orchester leise, rieselt das Tiermehl nur, beim Crescendo fallen Wellen, und beim Fortissimo stürzen ganze Ladungen nieder. Sechs Tonnen Tiermehl würden verwendet, behauptet der italienische Regisseur; die Skelette von 75 Rindern seien hier zermahlen.
Die Tiere sind in dieser Deutung das Opfer. Den Eindruck verschärft Castellucci im zweiten Akt. Ein Vorhang wird vor die Bühne gezogen und auf ihn eine Beschreibung von Tiermehl projiziert, die aus dem Lexikon stammen könnte: Die chemische Formel, das spezifische Gewicht, die Temperatur, auf die die Knochen erhitzt werden, und der Hinweis, dass es als Dünger benutzt wird. Dazu Strawinskys Musik, die das Leid zum Klingen bringt. Der Kontrast enthüllt: Hinter der kalten Sprache der Wissenschaft verbirgt sich das kalte Herz. Verschwiegen werden die Schrecken der Tiere und die Verrohung der Menschen.
Sie treten im dritten Akt auf: Arbeiter in weißer Kleidung mit Mundschutz schaufeln das Tiermehl zurück in die Behälter. Das ist der Geist der Industrie – tödlich, herzlos. Dann geht das Saallicht langsam an, die Platzanweiserinnen begeben sich an die Ausgänge, aber die Musik geht weiter. Das Publikum ist ratlos. Einige raffen sich auf und gehen, andere bleiben sitzen, einige wenige applaudieren.
Plausible Lesart
„Weltpremiere“ schreibt die Ruhrtriennale provozierend, wohl wissend, dass das „Frühlingsopfer“ vor mehr als 100 Jahren in Paris uraufgeführt wurde – damals ein Riesenskandal. Aber „Weltpremiere“ ist nicht geprahlt – Castellucci ist es gelungen, mit seiner radikalen Deutung der Komposition Strawinskys eine neue, plausible Lesart abzugewinnen – überzeugender als jede konventionelle Choreografie.
Doch Castellucci muss vor seiner Bühne einen transparenten Vorhang anbringen, denn Knochenmehl staubt. Es würde die Zuschauer zum Husten reizen und aus dem Saal treiben. So ist der Italiener gezwungen, sein Publikum, das er angreifen will, zu schützen. Ein Paradox, das die Wirkung beeinträchtigt.
