Oldenburg - Jeden Morgen sitzt Burkhard Nemitz für gut 20 Minuten auf einem Stuhl im Ballettsaal und schaut zu. Ganz still, während die Tänzerinnen und Tänzer ihr tägliches Training absolvieren. „Die werden sich auch wundern“, sagt der Oldenburger Ballettdirektor und versucht sich an einer Erklärung: Das Zuschauen setze ungeheuer viel Energie in ihm selbst frei. Und die hat er offenbar in seine Compagnie investiert. Zum Ende der Spielzeit wird die Sparte Ballett des Staatstheaters erstmals die 20 000-Besucher-Marke erreicht haben.
Allein die Zahl der Ballettabonnements ist Nemitz zufolge von 59 in der letzten Spielzeit von Markus Müller (2013/14) auf 203 zum Stichtag 8. Februar 2017 gestiegen. In der vergangenen Spielzeit (ohne Tanztage) wurden 10 126 Besucher gezählt (Abo-Plätze/freier Verkauf). In dieser sehe es genauso gut aus, sagt der Ballettdirektor. Zusätzlich würden rund 10 000 Besucher für die 13. Internationalen Tanztage (5. bis 14. Mai) erwartet, die bereits zu 90 Prozent ausverkauft sind.
Das Ballett stellt demnach zehn Prozent der Gesamtbesucherzahl des Staatstheaters (200 000). Vorbei die Zeit, als aus Spargründen die Oldenburger Compagnie mit der des Bremer Theaters unter dem Namen „nordwest“ kooperierte.
Noch bis zum Ende der Spielzeit bleibt der 65-Jährige als Ballettdirektor in Oldenburg. Ab August 2017/18 wird Antoine Jully allein für Choreografie und Compagnie verantwortlich sein. Es sei Zeit für den 40-Jährigen, sagt Nemitz, die Fehler selbst zu machen und aus ihnen zu lernen.
Aufhören wird Nemitz dennoch nicht. „Wir haben noch einiges gemeinsam vor“, verspricht er. Es gehe darum, die Compagnie auch andernorts bekanntzumachen – durch Gastspiele. Aktuell gebe es für 2019 ein Angebot aus Nordspanien. So etwas mit dem großen Apparat des Staatstheaters zu realisieren, sei allerdings mit sehr viel Arbeit verbunden. „Aber ich glaube, wir schaffen das.“
Dieser feste Glaube muss ihm wohl auch über die vergangenen Jahre hinweggeholfen haben, als er gleich zwei Jobs ausgefüllt hat. Parallel zu seiner Arbeit in Oldenburg ist Nemitz seit 2007 Kurator für Tanz am Theater Bonn sowie Leiter der Oster- und Mai-Tanztage. Wie das geht? „Indem man alles Private zurückstellt, radikal.“
Der 1951 in Osterburg/Altmark geborene Nemitz hat schon immer am Theater gearbeitet – zunächst als Regieassistent an der Landesbühne Hannover. Später war er unter anderem als Dramaturg oder Chefdramaturg in Paderborn, Frankfurt, Düsseldorf und Darmstadt tätig. Von 2001 bis 2013 schließlich war er stellvertretender Generalintendant am Theater Bonn.
Die Möglichkeit, eine Ballett-Compagnie aufzubauen, „wollte ich unbedingt“, erzählt Nemitz. „Ich wollte sehen, ob ich das kann.“ Nun soll das zwölfköpfige Ensemble aber auch ins Licht gestellt und gezeigt werden.
Zunächst aber wird Oldenburg zum Schauplatz aufregender Gastspiele. Spektakulärer Höhepunkt der Tanztage soll der Auftritt der Compagnie Retouramont aus Frankreich werden – an der Außenfassade des Staatstheaters. Vorausschauend wurde beim Bau des Brandschutzturms an zwei Haken gedacht – für die Seile der beiden schwebenden Tänzerinnen.
