Berlin - Seien Sie ehrlich? Ein Musical mit dem Titel „Die Nackenrolle“ hätte wohl kaum zum Besuch gereizt; da macht der Titel „Die Bettwurst“ schon eher neugierig. Das Musical, das Regisseur Rosa von Praunheim mehr als 50 Jahre nach seinem Kino-Kultfilm der „Bar jeder Vernunft“ zu deren 30. Geburtstag in Berlin-Wilmersdorf geschenkt hat, ist eine köstliche Anarcho-Komödie.
Das liegt vor allem an den beiden Hauptdarstellern: die polnisch-stämmige Luzi (gespielt von Anna Mateur) und Dietmar (Heiner Bomhard) aus Mannheim. Sie strandet in Kiel, arbeitet in der Pathologie und lebt dort in ihrer kleinbürgerlichen Welt mit Kleingarten und unerfüllten (Liebes-)Träumen. Sie lernt bei einem Spaziergang den Dietmar kennen. Es entwickelt sich eine Liebesgeschichte, gemeinsam arbeiten sie im Kleingarten und Haushalt oder gehen zum Tanztee. Zu Weihnachten schenkt Luzi (eine Hommage an die im Jahr 2000 gestorbene Luzi Kryn, eine Tante von Rosa von Praunheim) ihrem jungen Liebhaber eine Nackenrolle. Die nennt er übertrieben glücklich „Bettwurst“. Am Ende wird Dietmar (die Idee dazu lieferte der ehemalige Mitbewohner des Regisseurs, der 1976 mit 35 Jahren gestorbene Dietmar Kracht) von seiner kriminellen Vergangenheit eingeholt; Luzi wird entführt, gefoltert, es geschehen zwei Morde und ein Wiedersehen im Himmel – mit „Bettwurst“.
Unvergleichliche Mimik
Die Schauspielerin und Jazz-Sängerin Anna Mateur allein ist mit ihrer unvergleichlichen Mimik und Gestik das Eintrittsgeld wert. Sie brilliert als auf der Bühne stets präsente Wuchtbrumme, mal schmachtend, mal dominant, jederzeit urkomisch. Heiner Bomhard überzeugt vor allem durch die bewusste Übertreibung seines Mannheimer Dialekts („Luzi, isch liebe disch unwahrscheinlisch“) und durch seine Bearbeitung der mehr als 20 Songs.
Die rund eineinhalb Stunden sind ein Lehrstück über das kleinbürgerliche Glück in der Bundesrepublik der frühen 1970er-Jahre; spießig, kitschig und nüchtern, aber auch vergnügungsgierig mit viel Nippes-Seligkeit. Rosa von Praunheim will auch im Alter von 80 Jahren weiter provozieren. Er baut immer wieder fast reflexartig Klischees in die Handlung ein; so wird der bisweilen heftig derbe und frivole Liebes-Klamauk mit Kleine-Leute-Dialogen auf Touren gebracht – was allerdings nicht immer gelingt. Clownesk sind hingegen Szenen im Kleingarten mit Blumen in Menschengestalt (herrlich überzogen dargestellt von Thaddäus Maria Jungmann, Nell Pietrzyk und Tobias Stemmer) oder der Schlussakkord mit Engeln im Himmel.
Stimme ist ein Genuss
Noch ein Wort zur Musik. Die macht ja ein Musical schließlich erst aus. Der bereits erwähnte Heiner Bomhard schrieb der Jazz-Sängerin Anna Mateur so manchen Titel auf dem Leib. Sie sang wie gewohnt Mezzosopran (ital. „mezzo“ = halb) - die mittlere Frauenstimme zwischen Sopran und Alt – und steigerte sich fast zur Männerstimme Tenor. Welch ein Genuss.
Fazit: Rosa von Praunheim, der Mitbegründer der Schwulen-Bewegung, ist es gelungen, seinen Kult-Film nach mehr als 50 Jahren als erfolgreiches Musical auf die Drehbühne der „Bar jeder Vernunft“ zu bringen. Die Zuschauer genießen den Klamauk; gerade die älteren im Publikum fühlen sich wohl an ihre Jugendzeit erinnert. Lutz Deisinger, zusammen mit Holger Klotzbach Mitbegründer der „Bar jeder Vernunft“, hat mit dieser Eigenproduktion wieder einmal Mut und einen guten Riecher bewiesen. „Mehr davon“ möchte man den Machern in der wohl stimmungsvollsten Location der Hauptstadt zurufen.
Noch ein Tipp: Anna Mateur ist mit ihren Mitstreitern „The Beuys“ und ihrem Programm „Kaoshüter“ vom 8. bis 13. November am selben Ort im Spielzelt zu sehen. „Die Bettwurst“ ist wieder zu erleben ab Februar 2023 in der Bar jeder Vernunft, Schaperstraße, Berlin. Tickets unter Tel. 030-8831582 sowie www.bar-jeder-vernunft.de
