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NWZonline.de Nachrichten Kultur

PREMIERE: Ritter als debiler Haubentaucher

23.09.2008

[AUTOR] „Lesen macht weltfremd“, heißt es im „Don Quijote“. Aber der hat ja auch eine „Vollmeise“ und gleicht mit seiner verbeulten Blechschüssel auf dem Kopf mehr einem „debilen Haubentaucher“ als einem fahrenden Ritter. Und überhaupt ist das alles nicht Miguel de Cervantes aus der Feder geflossen, sondern Marc Becker, dem Hausautor und -regisseur des Oldenburgischen Staatstheaters. Weshalb der Titel des Stückes auch von dem der Vorlage abweicht: „Don Quijote und Sancho Pansa“.

Marc Becker hat sich getraut, den umfänglichen Roman aller Romane vom Ritter mit der traurigen Gestalt auf gerade einmal zweieinhalb Stunden – mit Pause – zusammenschnurren zu lassen. Obendrein ist Cervantes selbst mit von der Partie, von dem Becker den literarischen Kunstgriff übernimmt, den ersten Teil des Romans zum Bestandteil des zweiten werden zu lassen. Ganz so weit hat sich das Stück vom Original also nicht entfernt, obwohl die Umsetzung streckenweise das Gegenteil nahe legt.

Grob zusammengefasst, ist „Don Quijote“ die Geschichte eines unkritischen Lesers, der über die ausufernde Lektüre von Ritterromanen den Kopf verliert und beschließt, die Welt der Illusion zu imitieren – und daran scheitert. In einer Sprache, die sich am modernen Alltags- und Comedyvokabular orientiert, geht Becker jedoch über Cervantes’ Kritik an den literarischen Moden hinaus. Bei ihm ist der verrückte alte Don – Till Weinheimer in weißem Hemdchen und hautfarbenen Strümpfen gibt ihm eine ganz eigene Würde und Verletzlichkeit – auch ein Mensch, der in die Illusion flüchtet, um nicht den „Eindruck zu erwecken, als hätten wir schon zu Lebzeiten mit allem abgeschlossen“ und der verbohrt an seiner Dulcinea festhält, weil ein Leben ohne Liebe wie „Paella ohne Reis ist“.

Beckers Wortwahl bestimmt letztlich auch seine Inszenierung, die schräg, bunt, fantasievoll ist und die in dem Wunsch, nur ja keine Langeweile aufkommen zu lassen, mitunter ebendiese erzeugt. Da erklingt spanische Folklore, wird musiziert, gesungen und getanzt – Flamenco auf Strümpfen –, schlüpfen die neun Schauspieler und Musiker in mehr als 30 Rollen und meistern diese Herausforderung allesamt bravourös. In all ihrer Betriebsamkeit können sie auftretende Längen allerdings nicht verhindern. Das gelingt auch Cervantes nicht (gekonnt blasiert: Caroline Nagel), der als Moderator inhaltliche Brückenschläge vornimmt, ganze Seiten seines eigenen Romans überspringt und zusammenfasst.

Optischer Höhepunkt ist das Bühnenbild von Peter Engel: zwei fahrbare Holzgestelle, die nicht von ungefähr an trojanische Pferde erinnern. Sie dienen dem Ritter und seinem Knappen Sancho Pansa (ebenso erdenschwer wie cool: Thomas Birklein) als Reittiere, haben aber auch ein reges Innenleben. Ähnlich praktisch sind die Kostüme (Dinah Ehm), die sich für die Rollenwechsel rasch umrüsten lassen und im zweiten Teil schön pompös geraten.

Fehlt nur noch der freundliche Applaus am Schluss, um den Spielzeit-Auftakt im Großen Haus zum Erfolg zu machen. Was bleibt, ist ein leise nagendes Gefühl, dass sich „Don Quijote“ mit seinen mehr als 1000 Seiten in Fast Food verwandelt hat – lecker, aber wenig nahrhaft. Lesen hätte sicher mehr gebracht.

Karten: 0441/222 51 11

Alle NWZ-Theaterkritiken lesen Sie unter: www.NWZonline.de/theater

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