Oldenburg - Ein Umschlag mit Aussagen? Zwei schicke Frauen und ein Mann lagern auf einer umgekippten Musikbox. Niemand versucht, das gute Stück wieder aufzurichten. Lieber schmachtet man sich an. Doch was heute werbetechnisch eher Kopfschütteln hervorruft, galt bis Ende der 1960er als der letzte Schrei. Rock’n’Roll lautete das neue Lebensgefühl – und das wurde auch transportiert durch die Musik auf Schallplatten in diesen so ungewöhnlich illustrierten Hüllen.
Ausgedacht hatte man sich dieses Fotomotiv bei „London Records“. Eine Firma, die vom Namen her internationales Flair versprühte, das tatsächlich aber seit 1954 vor allem ein Vertrieb war für amerikanische Popmusik in Deutschland. Und weil plötzlich all die beliebten, aber damals kaum erwerbbaren Songs der amerikanischen Heuler der 1950er und 1960er Jahre auch in den Musikläden zwischen Oldenburg und Freiburg zu kaufen waren, wurde „London“ quasi zum Katalysator für die neue Jugendkultur hierzulande.
Heinz-Günther Hartig beschreibt dies so: „Die Hälfte der Musik, die man ab Mitte der 50er Jahre im Raupenbahn-Karussell auf dem Oldenburger Kramermarkt hörte, stammte vom London-Label.“ Ein Wort, das Gewicht hat, denn der Oldenburger Hartig ist nicht nur Rock’n’Roll-Experte (unter anderem Berater des Hamburger „Buddy-Holly“-Musicals), sondern auch einer der vier Autoren des Standardwerkes „London Label Lexikon“, das soeben veröffentlicht worden ist.
Seit mehr als 20 Jahren wurde das Projekt bearbeitet, „doch erst jetzt hat alles gepasst“, meint Hartig, der seit 40 Jahren den Platten mit dem geschwungenen „London“- Aufdruck nachjagt. „Wenn man Musik mag und Platten sammelt“, sagt er, „kommt man an London Records nicht vorbei.“
Wohl wahr, schließlich hatte die vom deutschen Unternehmen Teldec (Telefunken und Decca) gegründete Importfirma zeitweilig alle Stars der US-Hitparade im Programm. Mögen auch die ersten Singles mit dem Billy Vaughn Orchestra noch frei vom rebellischen Rock der Mittfünfziger gewesen sein, so änderte sich dies mit Bill Haley, Jerry Lee Lewis, Ray Charles, Eddy Cochran, Chuck Berry, Little Richard oder dem Superstar Roy Orbison gewaltig. Wo „London“ draufstand, war Modernität drin, lautete die einfache Formel zwischen 1954 und Ende der 1970er Jahre.
Das Label hatte seine besten Zeiten bis etwa 1958. Dem Beat-Boom der 1960er hechelte es dagegen hinterher, entweder mit US-Bands der zweiten Reihe (Turtles, The Association) oder mit Importen von britischen Exporten nach Amerika. So verlor „London“ an Bedeutung, selbst Musik mit Filmstars wie Jayne Mansfield oder Caterina Valente änderten daran nichts. Irgendwann verschwand ja auch die „Raupenbahn“ vom Kramermarkt.
Dennoch: In den Jahren der erwachenden Jugendkultur brachte „London“ Masse ins karge Popmusik-Angebot in Deutschland. „Sammelbecken für US-Labels, die sich hier keinen eigenen Vertrieb leisten konnten“ – so beschreibt Hartig die damalige Aufgabe der Firma. Das „London Label Lexikon“ mit seiner Vielzahl an Fakten und Informationen schließt mithin eine Lücke in der Erforschung der Anfänge von Popkultur in Deutschland.
