RODENKIRCHEN - Als die nationalsozialistischen Schergen an die Tür des Verstecks der jüdischen Familie Frank hämmern, ist es plötzlich mucksmäuschenstill in der Mensa der Haupt- und Realschule Rodenkirchen. Jetzt wird zur Gewissheit, was zwar bekannt, aber durch das mitreißende Spiel der Darsteller verdrängt worden ist: Das Versteck von Anne Frank, gespielt von Andrea Ostermann, ihres Vater Otto (Heinz Haiden) und ihrer Mutter Edith (Silvia Schlickmann) sowie ihres lieb gewonnenen Freundes Peter van Daan (Valentin Sobotka) ist verraten worden. Dem Tod werden sie nicht mehr entrinnen können.
„Das Tagebuch der Anne Frank ist ein Denkmal aus furchtbarer Zeit. Wir können froh sein, dass wir nicht an ihrer Stelle sind.“ Mit diesen Worten kündigt der Schauspieler Heinz Haiden die Inszenierung an. Otto Frank, der einzige Überlebende, habe das Tagebuch seiner Tochter nach dem Zweiten Weltkrieg herausgegeben. Es würde von einer Zeit handeln, die wir uns heute gar nicht vorstellen können, sagt er. Das sei keine Erfindung. „Die Figuren haben tatsächlich gelebt.“
Politische Ereignisse
Das Stück beginnt mit einer Radioeinspielung des Oberkommandos der Wehrmacht. Antwerpen sei gefallen, die Hakenkreuzfahne würde über der Stadt wehen. All die politischen Ereignisse um sich herum nimmt Anne Frank zwar wahr, doch Anne ist so verspielt und so verträumt wie alle jungen Mädchen in ihrem Alter. Diese Unbekümmertheit, die ihrem Tagebuch zu entnehmen ist, stellt Andrea Ostermann mit einer solchen Hingabe dar, dass der Zuschauer glauben könnte, die Szene spielte ganz real in dem Amsterdamer Hinterhaus, in das sich die Franks zurückgezogen haben.
Es ist beeindruckend und beängstigend zugleich, wie authentisch die Akteure die Situationen darstellen, tagsüber im Versteck keinen Laut von sich zu geben, um ja nicht Gefahr laufen zu müssen, entdeckt zu werden. Denn das würde den sicheren Tod bedeuten. Doch die Franks und Peter van Daan arrangieren sich. Sie tanzen Walzer und Charleston, lachen zusammen, sie versuchen, das Menschliche in dieser Finsternis zu bewahren, die gesellschaftlichen Regeln für sich nicht zu brechen. Es ist erschreckend zu sehen, wie die Menschen an ihrem Leben hängen und doch machtlos sind, gegen das Unrecht aufzubegehren. Bis zuletzt zeigen sie Würde und Anstand.
Die Schauspieler sind brillant. Ihnen gelingt es, die Schüler derart abzulenken und ins Geschehen hineinzuziehen, dass die Zuschauer bei einigen amüsanten Szenen sogar lachen, das Tragische dabei ausblenden. Bei einer Bombennacht schreckt Anne auf und wird von ihrem Vater getröstet: „Du braucht keine Angst zu haben, du bist doch hier bei uns“, sagt der Vater, ganz so, als könnte seiner Tochter durch den Zusammenhalt der Familie nichts Schreckliches passieren. In einer anderen Szene sagt die Mutter, dass es schön sei, die Kinder so unbeschwert zu sehen. Das ist völlig absurd, die Angst wird ausgeblendet.
Stille in der Mensa
Still ist es auch in der Mensa, als die Aufzeichnungen eines Augenzeugen über die Massenerschießung in der Ukraine verlesen werden. Das dürfe nie mehr vergessen werden, entfährt es Otto Frank/ Heinz Haiden. Hoffnung keimt noch einmal nach der Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 auf. „Es muss, es wird Licht werden. Ich glaube an das Gute im Menschen“, vertraut Anne Frank ihrem Tagebuch an. Sie ist nun reifer geworden. Ihre Entwicklung von einem unbeschwerten hin zu einem pubertierenden Mädchen zeigt Andrea Ostermann facettenreich. Und dann das Unausweichliche: „Jetzt erfüllt sich unser Schicksal“, sagt Otto Frank, als die Häscher an der Tür warten.
Die Fachbereichsleiterin Deutsch an der HRS Rodenkirchen, Wiebke Rohde-Gerdes, hatte den Besuch des Forum-Theaters aus Wien angeregt. Alle Klassen sahen das Stück „Das Tagebuch der Anne Frank“. Die Aufführung gab Antworten darauf, wie Unvorstellbares begreiflich und Zeitgeschichte verständlich werden kann. Klar und verständlich wurden Verfolgung und Ausgrenzung erlebbar und schmerzlich fühlbar gemacht. Anne Frank, am 12. Juni 1929 als Kind jüdischer Eltern in Frankfurt geboren, starb 1945 im Konzentrationslager Bergen Belsen an Typhus. Ihr Vermächtnis ist ein Plädoyer für Frieden und Menschlichkeit und mit dem Wunsch – nie wieder.
