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Frauentag Romantik statt Revolution

Oldenburg - Wenn der Frühling kommt, drehen russische Männer durch. Dann gehen sie auf die Jagd, schleppen ihre Beute ins heimische Quartier, verscharren Gold und Blumen, Pralinen und Parfüm in entlegenen Winkeln der Wohnung.

Romantik statt Protest

Am Morgen des 8. März dann, pirschen sie sich an weibliche Wesen heran. Mit warmen Brötchen, dampfendem Kaffee, süßen Worten – manchmal Gedichten: Es ist Frauentag. „Valentinstag, Muttertag, Geburtstag in einem“, sagt Natalia Schröder. In ihrer Heimat müssen Schenker und Beschenkte – Kleine und Große – weder in die Schule, noch zur Arbeit gehen. Die Damenwelt darf den Haushalt den Herren überlassen. Söhne singen Loblieder auf Mütter, Brüder bescheren Schwestern mit Schokolade, Väter verwöhnen Töchter mit hübsch verpackten Präsenten. „Politisch war der Frauentag irgendwann mal – heute geht es nur noch um Romantik“, sagt Natalia Schröder.

Als sie vor einigen Jahrzehnten in Russland zur Welt kam, dachte am 8. März kaum noch jemand an Protest und Geschlechterkampf. „Alle Frauen – vom kleinen Mädchen bis zur Oma bekommen Geschenke. In der Grundschule schon gab’s von den Jungs Blumen“, sagt sie.

Tradition ist Gold wert

Nach 18 Jahren in Deutschland möchte sie die geliebte Tradition ihrem eigenen Sohn unbedingt vererben. Papa sei schon mal ein gutes Vorbild. Aber weil Maxim in Oldenburg geboren wurde, bekommt er zusätzlich ein bisschen Nachhilfe in Sachen Charme: Einmal die Woche besucht der Siebenjährige eine Schule für Kinder russischsprachiger Einwanderer.

Gereimt, gesungen, gerechnet, gelesen wird hier in der Sprache ihrer Eltern. Aber auch Bräuche, Kultur, Geschichte steht auf dem Lehrplan. „Wir feiern auch deutsche und russische Feste – das beste von beiden Seiten“, sagt seine Mutter. So lernt Maxim fleißig Verse auswendig, die er nicht nur vorträgt, sondern auch in einer selbst gebastelten Grußkarte an Mama verewigt. „Ist doch Muttertag“, sagt er.

Nicht ganz. Shirin kriegt auch Lieblingsblumen von Papa: „Rosen.“ Maxims Mitschülerin lernt allerdings auch ein Gedicht für Mama auswendig, die sich derweil auf üppige Sträuße – vielleicht sogar Goldschmuck freut. Was im Aserbaidschan am 8. März durchaus üblich ist. Ihrem Mann, einem Perser, hat Sevil Bayramova das schon beibringen können. Nur auf Frühstück am Bett muss die 35-Jährige verzichten. Gut trainiert hat auch Maria Mariechen ihren Liebsten – den Frauentag hat der Deutsche beim Ja-Wort zur gebürtigen Russin mit lieben gelernt: „Der hat gleich verstanden, wie wichtig das Datum ist“, sagt sie.

Auch ein Männertag

„Das ganze Jahr dreht sich die Erde um die Sonne – und einen Tag im Jahr dreht sich die ganze Welt um Frauen“, sagt Galina Bondarenko. Die Lehrerin der russisch-deutschen Klasse schreibt einen Liedtext an die Tafel – eine Ode an Mütter, Mädchen, Omas, Schwestern. Nur die Herren der Schöpfung gehen leer aus. „Das ist schon ganz okay. Mamas machen ja auch viel für uns“, sagt Dominik – „man bedankt sich halt.“ Er hebt die Schultern. „Außerdem“, sagt seine Lehrerin, „haben wir ja noch den Männertag: Am 23. Februar.“

Russische Frauen drehen da allerdings nicht durch. Das überlassen sie großzügig den Herren – wenn der Frühling kommt.

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