Bösel - „Mit diesem Ergebnis hätten wir am Anfang nicht mal zu träumen gewagt.“ Marita Schlüter hat das Böseler Altarbild „Christus am Kreuz“ restauriert und schon relativ schnell erste Hinweise darauf gefunden, dass das Bild aus der Werkstatt von Peter Paul Rubens stammen könnte. Die Hinweise festigten sich, informierte sie am Dienstagabend in der Pfarrkirche St. Cäcilia. Auch Ursula Härting, öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige für Niederländische Malerei des 16. und 17. Jahrhunderts, hatte das Altarbild ihrer Expertise unterzogen und festgestellt: Die Zuschreibung des Böseler Gemäldes an die Werkstatt von Peter Paul Rubens sei „gerechtfertigt“.
Vorab hatte Pfarrer Stefan Jasper-Bruns die Besucher begrüßt, bevor der ehemalige Kirchenprovisor und Kenner der Böseler Kirchengeschichte, Aloys Gelhaus, über die Geschichte des Bildes berichtete.
Einstmals zwölf Tafeln
Diese Komposition stamme aus einer berühmten Folge von einst zwölf Tafeln aus „Christus mit den zwölf Aposteln“, deren Schöpfer Peter Paul Rubens ist, führte Dr. Härting aus. Christus mit dem Kreuz ohne die Jünger sei heute noch zu sehen im Landesmuseum Hannover, im Wiener Schottenstift, in der National Gallery in Ottawa – und in Bösel. In der vollständigen Serie mit Bildern der zwölf Apostel gibt es die Christus-Darstellung noch in der Schweiz (Stans) und in Rom.
Die Erlöser-Darstellungen in St. Cäcilia und in der Frey-Näpflin-Stiftung in Stans stimmten überein. Erst durch das Böseler Bild lasse sich, so Dr. Härting, nachweisen, dass in Rubens’ Atelier zwei unterschiedliche Typen des Erlösers mit Kreuz entstanden seien. Laut der Diplom-Restauratorin Marita Schlüter erreicht das Bild aber nicht das hohe Niveau des Schweizer Bildes, Grund: die Mitwirkung verschiedener Künstler.
Ob Rubens persönlich Hand angelegt hat? Zur Werkstattpraxis zu Lebzeiten des Barockmalers gehörte es, Schüler, Gesellen und Meister zu beschäftigen, sagte Dr. Härting. So könne man auf eine arbeitsteilige Produktion schließen. Ein Maler des unsignierten Werks könne nicht namentlich genannt werden, denn den Schülern war es Auftrag, der Technik Rubens’ stilistisch, technisch und kompositionell nahe zu sein.
Laut Marita Schlüter finden sich letzte Korrekturen auf der Malschicht, wie sie auf dem Schweizer Bild Rubens selbst zugeschrieben werden.
Jahresringe untersucht
Das Böseler Bild, das aus drei zusammengefügten Eichenholz-Brettern besteht, ist einer dendrochronologischen Untersuchung, also die Bestimmung des Holzalters durch die Abfolge der Breite der Jahresringe, unterzogen worden, um Sicherheit zu erhalten, ob es zu Lebzeiten des berühmten Malers entstanden ist. Die Untersuchung habe ergeben, dass die Tafel vermutlich zwischen 1607 und etwa 1620 bemalt worden sei – zu Lebzeiten Rubens, der 1640 starb, so die Restauratorin.
Nun befindet sich das Gemälde in einer Art „Klimavitrine“ in dem alten Zierrahmen und ist damit vor Klimaschwankungen, UV-Strahlung, Verschmutzung und Vandalismus geschützt. Die Gesamtkosten für Restaurierung und Untersuchungen des Altarbildes belaufen sich auf 12 500 Euro.
Hedwig und Benno Grafe überreichten Pfarrer Stefan Jasper-Bruns und Aloys Gelhaus ein Fotodruck des „Böseler Rubens“. Sie hatten Ende 2010 den Hinweis auf einen Artikel über eine Ausstellung der Schweizer Christus-Darstellung gegeben. Erst dadurch waren die Untersuchungen in Gang gekommen.
