Sandhatten - Wolfgang Hinrichs (65) ist ein Mann mit Überzeugungen. „Ich kann doch nicht jedes Jahr das Gleiche anbieten“, sagt er zu seinem Gegenüber, und es klingt ehrlich verwundert. Also entwirft der Glasgestalter aus Sandhatten in diesem Jahr wieder neue Statuen. Bekommen werden sie die Gewinner des „Preis für Innovative Ausbildung“ (PIA), den die NWZ nun schon in der neunten Runde ausrichtet.
Seit neun Jahren macht sich Hinrichs also neue Gedanken, wie sich die Themen Ausbildung, Schritt ins Berufsleben und Karriere darstellen lassen.
Sein Werkstoff ist Glas
Der Witz dabei: Der in Sandhatten lebende Künstler ist „zu 99 Prozent Autodidakt“, wie er nicht ohne Stolz verrät. Auch für andere tröstlich – es muss nicht immer der gerade Weg sein, der die Erfüllung bringt. Wolfgang Hinrichs, 1952 in Ostfriesland geboren, ist über Umwege bei „seinem“ Werkstoff Glas gelandet. Ein Pädagogikstudium brach er ab, weil ihm der „Idealismus über Bord gegangen war“. Nach nur einjähriger Lehre in Architekturmodellbau schrieb er sich für einen Kursus in Blei- und Tiffany-Verglasung ein. Da hat es dann Klick gemacht. Schon seine allererste Vitrine hat sofort Abnehmer gefunden.
Als Glasgestalter geht sein Handwerk fließend in Design und Kunst über. Die ihm eigene Präzision hilft ihm enorm, er hat sie vom Architekturmodellbau in die Glasgestaltung übernommen. Der Sandhatter ist seit vielen Jahren selbstständig. Jahrelang hat er für die Göbel-Porzellanmanufaktur, einem der größten Geschenkanbieter, gearbeitet und die moderne Linie „Ergo“ gestaltet. Im Jahr 2001, nach den Terroranschlägen in New York, gab es plötzlich Absatzschwierigkeiten. Die Linie wurde eingestellt. Mittlerweile entwirft er Glasobjekte für andere Firmen – darunter auch „Gebrauchskunst“ wie Vasen oder Tortenplatten – „noch nie einen Ladenhüter“, darauf ist er zurecht stolz.
Aber wer Hinrichs’ Glaserie besucht, der entdeckt schnell die wahren Schätze. Zum Beispiel seine kunstvollen Gartenstelen, die Glasfenster und das „Bateau Noir“ (Schwarze Boot), ein schmaler, geschwungener Glaskörper, dessen tiefschwarze Oberfläche von schillernden Linien durchbrochen wird. „Mein bester Lehrmeister war stets die Neugier“, sagt er, und „ich mag gerne reduzierte Sachen.“
In der Garage neben dem Haus ist bei ihm kein Platz für ein Auto. Hier steht ein Spezialofen, der sich auf ein Grad genau einstellen lässt und Temperaturen von bis zu 1000 Grad Celsius erreicht. Wie bekommt er es beispielsweise hin, Glas zu biegen? Wolfgang Hinrichs verrät’s: Erst schneidet er ein Stück aus, dann wird es auf eine Form gelegt und erhitzt. „Ganz langsam, sonst zerspringt das Glas und alles war umsonst.“
Bei 600 Grad Celsius verformt sich der empfindliche Werkstoff. Drei bis vier Stunden dauert dieser Prozess, und dann geht es genauso langsam wieder in die andere Richtung. Denn Glas leitet die Wärme nicht. Entstehen an der Oberfläche Temperaturunterschiede springt das Material. So bleiben vier bis sechs Zentimeter dicke Glasscheiben bis zu einer Woche im Ofen, ehe sie wieder gefahrlos zum Vorschein kommen können.
Perfekt, nie langweilig
Bei 800 Grad Celsius wird Glas dickflüssig, es schmilzt. In Form gießen lässt es sich erst bei 1000 Grad. „Dann ist es so flüssig wie Honig“, sagt Hinrichs. Er benutzt dafür Negativformen aus einer Gips-Schamott-Flint-Mischung. Der überdimensionale Backenzahn, den er seinem Besucher reicht, ist auf diese Weise entstanden. Wie Bernstein leuchtet das Glas, im Innern brechen eingeschlossene Luftblasen das Licht. In sich perfekt, aber so gestaltet, dass es nie langweilig wird – eine typische Arbeit für den Glasgestalter.
Ein neues Projekt hat er in diesem Jahr noch vor der Brust: Er möchte seinen Garten am Goldangelweg zur Ausstellungsfläche machen. Nicht nur seine eigenen Arbeiten, sondern auch die vieler Kollegen – auch aus ganz anderen Bereichen – sollen hier zu sehen sein. Der Anfang ist bereits gemacht: Die Oldenburgerin Renate Ruck ist mit einigen ihrer Metallarbeiten vertreten. Ruck gestaltete u. a. die Skulptur „Begegnungen“ für den Wardenburger Ortseingang. Jörg Ridderbusch, der seit April in der Schmiede am Lappan arbeitet, hat einige seiner sehr humorvollen Metallfiguren nach Sandhatten gebracht. Die Glaserie hat geöffnet: donnerstags bis sonntags, 11 bis 17 Uhr und nach Vereinbarung;
