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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Kleiner Bildschirm für großen Film

18.10.2018

Sassari /Frankfurt Eine endlose Hügellandschaft mit Korkeichen, Olivenbäumen und Steinmauern, dazwischen Schafherden – Eindrücke von Sardinien, die der Schriftsteller Gavino Ledda (79) in seinem autobiografischen Roman „Padre Padrone“ (Mein Vater, mein Herr) schildert.

In Italien 1975 veröffentlicht, ist „Padre Padrone“ noch heute ein äußerst lesbarer Bildungsroman. Es geht um die Pächterfamilie Ledda, die wenig Land und wenige Schafe hat. Um die Landwirtschaft zu bewältigen, nimmt der Vater seinen Sohn Gavino aus der Schule. Der Sechsjährige verbringt von da an seine Kindheit als Hirte. Wo andere Kinder das Alphabet und das kleine Einmaleins lernen, muss Gavino die Schafe hüten und melken, mit zunehmendem Alter mehr und mehr Landarbeit übernehmen.

Der Aufstand gegen den gewalttätigen Vater gelingt erst, als Gavino als 20-Jähriger zum Militär geht, sich dort das Lesen und Schreiben beibringt und die Realschule, später den Gymnasialabschluss schafft, studiert und promoviert. Ledda schildert die archaischen Gebräuche in der Gegend um seine Heimatstadt Siligo (ein auf einem Berg gelegenes Dorf in der Nähe der zweitgrößten sardischen Stadt Sassari).

Er beschreibt das Leben in der auf den Vater ausgerichteten Familie, zu Gavinos wenigen Vergnügen zählt die Musik, für die er den Vater zu einer enormen Investition überreden kann: der Anschaffung eines Akkordeons und Musikunterricht, die Initialzündung für seine Bildungskarriere. Erst nach der Zeit im Militär kann Gavino seinem Vater und dessen Prügel-Pädagogik entkommen.

Die schöne wie traurige Geschichte ist von den Brüdern Paolo (86) und Vittorio Taviani (1929–2018) verfilmt worden. Für ihre einfühlsame Schilderung des Hirtenalltags im Sardinien der 50er Jahre erhielten sie 1977 die Goldene Palme in Cannes. In die deutschen Kinos kam das prämierte Werk freilich nur über Umwege. 1977 in Cannes prämiert, lief der Film in Pariser Kinos ein halbes Jahr lang. Schon in der Eröffnungswoche schauten sich 45 000 Zuschauer den Film an.

Der ambitionierte deutsche Prokino-Verleih, der den Film gern in die Programmkinos gebracht hätte, ging bei den Rechten leer aus. Die ARD hatte die Ausstrahlungsrechte erworben, auf die große Leinwand kam der Film der Taviani-Brüder nicht. Nur zur Premiere der deutschen Ausgabe von „Padre Padrone“ zur Buchmesse 1978, vor genau 40 Jahren, wurde der im Auftrag der italienischen RAI gedrehte Film in einem Frankfurter Programmkino gezeigt.

Anschließend lud der Benziger Verlag, in dem „Padre Padrone“ erschienen war, zum Empfang mit dem Autor. In Deutschland wurde der Film dann erst im November 1978 in der ARD ausgestrahlt. Ein Skandal, der den nichtswürdigen Umgang mit dem Kulturgut Film dokumentiere, befanden die Rezensenten von „Spiegel“ bis „Zeit“.

So bleibt das Vergnügen, Leddas Schilderung über seine Entwicklung vom Analphabeten zum promovierten Sprachwissenschaftler erneut zu lesen. Wer mehr Sardinien möchte, sei auf Michela Murgia und ihren bei Wagenbach erschienenen Roman „Accabadora“ verwiesen. Eine wunderbar sprachmächtige Autorin, die in „Accabadora“ (die, die es zu Ende bringt) die Beziehung einer mysteriösen älteren Frau (die Sterbehilfe auf sardische Art praktiziert) zu einem jungen Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen schildert.

Leider nicht mehr erhältlich ist Salvatore Sattas „Der Tag des Gerichts“. Darin schildert der Jurist den Alltag im sardischen Nuore, seiner Heimatstadt. Um die geschilderten Personen zu schützen, wurde es erst nach seinem Tod veröffentlicht. Leider schrieb Satta nur diesen einen Roman. Auf Deutsch erschien „Der Tag der Gerechtigkeit“ bei Suhrkamp.

Hans Begerow
Leitung
Politik/Region
Tel:
0441 9988 2091

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