Vechta - Das ist ein richtig verknorpster Spitzname: „Trüffelschweine!“ Irgendjemand hat das Concerto Köln so charakterisiert, absolut treffend. Dieses unglaubliche Orchester durchpflügt seit fast 30 Jahren den musikalischen Humus zwischen Barock und Klassik. Es gräbt Schätze aus, die nur der sensibelste Rüssel erschnüffelt. Aber Antonio Vivaldi, über weiteste Teile eines Abends? Gut, das ist nun wirklich keine Fundsache mehr.

Von wegen! Die Zuhörer in der voll besetzten Klosterkirche in Vechta mögen ihren Vivaldi und seine „Vier Jahreszeiten” kennen. Doch wenn das Concerto Köln im Rahmen der 28. Niedersächsischen Musiktage mit seinen 17 Musikern die vier Violinkonzerte aus op. 8 zelebriert, dann spitzen alle wie aufgeschreckt die Ohren. Hey, da klingt doch der größte Hit des Barock derart knusprig frisch und Neugier weckend, als seien die Noten gerade erst aus irgendeinem Archiv hervor gekramt worden!

Doch wer ohne Dirigent so ausgefeilt spielt, muss diese Musik schon ewig kennen. Ob die Streicher im wilden Trubel dreinfahren, oder ob sie wie mit einem silbernen Stichel die kunstvollsten Gravuren ritzen, immer ist das rhetorisch griffig. Eine suggestive Kraft geht vom Konzertmeister Shunske Sato aus. Nie nutzt der Geiger die hoch virtuosen Läufe zur Selbstdarstellung. Immer ist er privilegierter Teil eines instrumentalen Gefüges. In einem solchen Gesamtwerk schwenken die Naturzustände zu Seelenzuständen über, führt die grandiose Wanderung zwischen naiver Betrachtung und magischem Zauber hin und her.

Als zweite Aufrührerin nimmt Vivica Genaux die Hörer im Sturm. Die perlende Verve ihrer Koloraturen raubt jedem den Atem, nur nicht der Sängerin. Der hoch expressive Mezzosopran entfacht auch in mittlerer und tiefer Lage innere Glut. Mehr noch: Er beginnt auch jene Wärme zu verbreiten, die alle ganz großen und älteren Sängerinnen jenseits von Stimmakrobatik verstrahlen. Arien aus Opern von Johann Adolph Hasse, Leonardo Vinci und Vivaldi breitet sie aus. Selbst diese Ausschnitte formt sie zu kleinen Opern mit allen Gefühlen zwischen Innigkeit und Vulkanausbrüchen.

Das Publikum feiert die aus Alaska stammende Sängerin und jede Zugabe stehend. Aber in Wirklichkeit liegt es ihr einfach zu Füßen.