Herr Brandauer, „Ferdinand von Schirach: Feinde“ ist ein Lehrstück über den Unterschied von Recht und Gerechtigkeit, der manchmal schwer zu begreifen ist. Was können die Zuschauer dabei lernen?
BrandauerIch hoffe, dass sich die Zuschauer auf beide Perspektiven einlassen und sich genug Zeit nehmen, nachzudenken und abzuwägen. Nicht wieder schnell in erprobte Denkmuster rutschen, sondern in Ruhe einen eigenen Standpunkt suchen, der vielleicht auch etwas unbequemer als gewöhnlich ist. Dafür ist dieses Format gemacht und eine großartige Möglichkeit.
Regisseur Nils Willbrandt erzählt die Geschichte über ein entführtes Mädchen und einen Verdächtigen, der gefoltert wird, in zwei Filmen aus zwei Perspektiven – ein ungewöhnliches Verfahren. Was hat Sie an diesem TV-Experiment gereizt?
BrandauerWir neigen viel zu oft dazu, demjenigen recht zu geben, der als Letzter oder am lautesten gesprochen hat. Mit fatalen Konsequenzen, weil uns die Realität nur noch in solchen Schnipseln verabreicht wird. Wir leben in einer Schlagzeilen-Gesellschaft, in der es nur noch um Deutungshoheiten geht, nicht mehr um Inhalte. Das Abwägen von Argumenten, das Einlassen auf eine Geschichte, die konstruktive Auseinandersetzung mit komplexen Fragen, das bekommt immer weniger Platz. Umso wichtiger ist es, ein solches Projekt zu machen und es an ein großes Fernsehpublikum zu adressieren.
Muss der Zuschauer beide Filme gucken, um die Sache richtig zu verstehen?
BrandauerJa unbedingt, die Filme funktionieren zwar auch für sich allein, aber ihre tatsächliche Wirkung entfalten sie erst im Zusammenspiel. Das Ergebnis ist viel größer als die Summe seiner Teile, das gilt auch hier.
Einer der beiden Filme ist auf diesen Strafverteidiger Biegler zugeschnitten, den Sie spielen, ein gerissener Rechtsprofi der alten Schule. Wie haben Sie sich dieser Rolle genähert?
BrandauerIch habe eine große Sympathie für diese „Profis alter Schule“, die Werte haben und für diese auch einstehen. Dahinter steht eine ganze Generation. Biegler ist darüber hinaus ein Genussmensch und viel weniger angepasst, als der erste Eindruck vielleicht nahelegt. Und er ist exzessiver Raucher, der sich nicht dafür schämt, das ist heute fast schon ein Alleinstellungsmerkmal.
Biegler ist in den Werken des Rechtsanwalts und Schriftstellers Ferdinand von Schirach das Alter Ego des Autors. Haben Sie vor den Dreharbeiten in dessen Bücher geschaut, um sich über die Figur zu informieren?
BrandauerInformieren wäre der falsche Ausdruck, ich habe eher versucht zu verstehen, wie Ferdinand von Schirach die Sache angeht. Für mich ist es immer wichtig, den gesamten Überblick zu haben. Bei einem so erfolgreichen Autor spielt man ja auch gegen eine Erwartungshaltung des Publikums an, was die Sache herausfordernd, aber auch reizvoll macht.
Kennen Sie Schirach und haben Sie sich mit ihm über die Rolle ausgetauscht?
BrandauerJa, und wir haben natürlich auch über das Drehbuch gesprochen, aber nicht so viel, wie man vielleicht denken mag. Ich bin kein Freund davon, die Dinge im Vorfeld zu zerreden. Man muss sich so einer Arbeit mit Klarheit und Offenheit stellen. Es geht darum, dass die Geschichte am Ende plausibel erzählt wird. Der Zuschauer darf jetzt entscheiden, ob uns das gelungen ist.
Anwalt Biegler ist ein Guter, Sie haben in Ihrer langen schauspielerischen Karriere aber auch schon manches Mal den Bösen gespielt. Glauben Sie an das Böse?
BrandauerWenn die Idee des Bösen dazu führt, dass wir uns lähmen lassen, dass wir nicht mehr ins Handeln kommen, dann hat es gewonnen. Mehr kann ich dazu gar nicht sagen. Es ist eine Glaubensfrage, hängt also von unserer Tagesform ab.
Und glauben Sie an Gerechtigkeit?
BrandauerDie Gerechtigkeit ist eine Sphäre unserer menschlichen Existenz, ohne die wir nicht leben könnten. Da kommen Naturrecht, die Grundrechte, die Menschenrechte zusammen, das sind alles Grundpfeiler unserer Gesellschaft, um die wir uns vielleicht zu wenig kümmern.
Klaus Maria Brandauer wurde 1943 in Bad Aussee in Österreich geboren und gilt als einer der wichtigsten deutschsprachigen Schauspieler unserer Zeit. Der Österreicher glänzt seit Jahrzehnten auf der Bühne, im Kino und im Fernsehen. Er spielte die Hauptrolle in dem mit einem Oscar prämierten Kinofilm „Mephisto“ und an der Seite von Meryl Streep und Robert Redford im mit sieben Oscars ausgezeichnetem Spielfilm „Jenseits von Afrika“. Er war bis zu deren Tod 1992 mit Regisseurin Karin Brandauer verheiratet und hat aus dieser Ehe einen Sohn. 2007 heiratete er zum zweiten Mal und wurde 2014 zum zweiten Mal Vater. Er lebt in Altaussee in der Steiermark, Wien, Berlin und New York.
