Berlin - Eigentlich keine neue Erkenntnis für einen Schauspieler, dass die Wirklichkeit nicht wirklich ist. Gerade in seinem Beruf existiert sie vor allem abgebildet, gewissermaßen gespiegelt im Kameraauge. Aber um diese Art von Illusion geht es nicht in der Novelle „Die Spieluhr“ von Ulrich Tukur. In der Welt, wie er sie zeichnet, werden physikalische Gesetze ausgehebelt, öffnen sich Gemälde, gibt es ein Leben hinter dem Bild, verliert der Leser jeden festen Grund. Aber so unsicher auch alles erscheint, eines steht fest: Ulrich Tukur ist als Schriftsteller mindestens ebenso begnadet wie als Schauspieler und Sänger.
Sein Buch mutet kostbar an und ist altmodisch im besten Sinne: lindgrüner Leineneinband, goldfarbenes Dekor, Art-déco-Schrift, verfasst in alter Rechtschreibung und inhaltlich angelehnt an die Tradition der Schauerromantik – hier ein bisschen Edgar Allen Poe, dort ein wenig E. T. A. Hoffmann.
Dabei knüpft Tukur geschickt die Fäden zur Realität und zu historischen Tatsachen. Die Rahmenhandlung spielt an einem Filmset in Nordfrankreich, wo ein Film zur Geschichte der Malerin und ehemaligen Putzfrau Séraphine des Senlis gedreht wird, einer bedeutenden Vertreterin der naiven Malerei. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde sie von dem deutschen Kunstsammler Wilhelm Uhde entdeckt und gefördert, bis sie schließlich dem Wahnsinn verfiel und in der Psychiatrie landete.
Die Filmbiografie „Séraphine“ hat es tatsächlich gegeben: 2009 kam der Film von Martin Provost mit Tukur als Wilhelm Uhde in die Kinos. Da liegt es nahe, Tukur mit dem Ich-Erzähler in Verbindung zu bringen. Plötzlich allerdings kippt die Handlung ins Irreale, rücken andere Personen ins Zentrum des Geschehens, verschieben sich die Zeitebenen.
Der Regie-Assistent Jean-Luc, so schildert es der Erzähler, gerät auf der Suche nach dem einstigen Atelier von Séraphine in ein uraltes, spukhaftes Schloss mit einem zwielichtigen Hausherrn. Als das Filmteam danach sucht, ist es jedoch verschwunden.
Richtig unheimlich wird es, als der Regie-Assistent den Verstand verliert und sich an einem Baum aufhängt. Der Ich-Erzähler schließlich findet Zugang zum verwunschenen Schloss Montrague, wo die Grenzen zwischen Traum und Realität endgültig verschwimmen: Personen verschwinden in Gemälden, auf denen eine überirdisch schöne Marquise in eine Welt hinter der Leinwand lockt, ausgestopfte Tiere springen von den Wänden, eine Spieluhr-Ballerina erwacht zum Leben, und der Ich-Erzähler wechselt die Identität.
Rätsel auf Rätsel lässt der 56-Jährige vor dem Leser entstehen, ein faszinierendes Vexierspiel, beschrieben in einer präzisen Sprache, die sich angesichts des fantastischen Inhalts wohltuend zurückhält. Mitunter entgleitet einem beim Lesen zwar der rote Faden, doch das ist zu verschmerzen. Zu unterhaltsam, zu schillernd ist Tukurs Geschichte von parallelen Welten, in die es nur eine Pforte gibt: die der Kunst und Fantasie.
