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Projekt Schmökern bei minus 40 Grad Celsius

Wolfgang Heumer

Bremerhaven - In der Antarktis gibt es nicht nur Pinguine, sondern auch Ratten – genauer: Leseratten. Sie wohnen auf der deutschen Forschungsstation Neumayer III und können aus dem Vollen schöpfen. Den neun Überwinterern, die 14 Monate auf der Station verbringen, stehen gleich zwei gut ausgestattete Bibliotheken zur Verfügung.

Physikerin Lisa Kattner liest für ihr Leben gern. Deswegen war es für sie wie ein kleiner Lottogewinn, als sie für einen namhaften Geldbetrag Bücher einkaufen durfte. Das war vor zwei Jahren. Sie war gerade auf dem Sprung, die kommenden 14 Monate zusammen mit acht Kollegen an einem der einsamsten Orte der Welt zu verbringen: Auf Neumayer III, der Forschungsstation des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in der Antarktis. Die Bücher sollten die dortige Bibliothek erweitern.

Monate ohne Tageslicht

Wer im ewigen Eis als Forscher zum Verständnis des Klimas und seiner Veränderungen beitragen will, muss einiges aushalten: Temperaturen, die über längere Zeit ohne Weiteres auf minus 40 Grad Celsius sinken können. Zwei Monate lang geht die Sonne nicht auf, die Polarnacht wird dann allenfalls durch Polarlichter erhellt. Und ebenso viele Monate geht die Sonne nicht unter. Dazu kommen plötzlich einsetzende Schlechtwetterlagen, die jeden Schritt vor die Stationstür zum lebensgefährlichen Unterfangen machen können. Wer Jölund Asseng, der als Stationsleiter auf Neumayer III eingesetzt war, und Lisa Kattner über ihre Erfahrungen im Eis erzählen hört, bekommt einen kleinen Eindruck davon, wie faszinierend das Leben in einer einmaligen Atmosphäre am Ende der Welt sein kann. Aber auch auf der Schelfeiskante an der Atka-Bucht im nordöstlichen Weddell-Meer gibt es so etwas wie Alltag, Routine, Feierabend und den Wunsch, einfach mal abzuschalten.

Beheizter Container

Speziell dafür hat der Künstler und Polarreisende Lutz Fritsch 2004/2005 einen Raum geschaffen: Die „Bibliothek im Eis“. Im Inneren ist der beheizte 20-Fuß-Container mit Teppichboden, Holzmöbeln und einem Ledersofa ausgestattet. Vor dem Fenster steht zudem ein Schreibtisch mit Sessel. Eine Landmarke sollte der Container sein, ein Gegenpol zur Forschungsstation, schreibt Fritsch auf seiner Homepage. Die Bibliothek enthält tausend Bücher. Fritsch hatte Künstler und Wissenschaftler persönlich gebeten, ein Buch für diesen speziellen Ort auszuwählen und zu stiften. „Da ist alles zusammengekommen, was man sich vorstellen kann: Belletristik, Fachliteratur und Bildbände. Vieles auch mit einer persönlichen Widmung“, weiß Lisa Kattner zu berichten.

Als Fritsch die „Bibliothek im Eis“ schuf, hatte diese noch eine ganz besondere Bedeutung. „Es war der einzige Ort, von dem man aus einem Fenster auf die Eislandschaft schauen konnte“, sagt Jölund Asseng. Denn die damalige Neumayer-Station war eine Röhre unter dem Eis. Die neue, 2009 in Betrieb genommene Station steht über dem Eis. Jeder Raum bietet Ausblick, jeder Bewohner hat sein eigenes Zimmer. „Aber trotzdem ist die Bibliothek ein beliebter Ort, um einfach einmal abzuschalten und auf andere Gedanken zu kommen“, so Lisa Kattner.

Vielseitiger Bestand

Im „Wohnzimmer“ von Neumayer III steht dagegen jene zweite Bibliothek, die Lisa Kattner mit ihrem Großeinkauf neu ausgestattet hat. Moderne Literatur ist ebenso zu finden wie Geschichtliches. „Wir haben dort auch die Expeditionsberichte von anderen Polarforschern“, sagt Kattner. Sten Nadolnys „Entdeckung der Langsamkeit“ über die Expeditionen von John Franklin gehört genauso dazu wie das Buch „In Nacht und Eis“, in dem Polarforschungspionier Fridtjof Nansen die norwegische Eis-Expedition von 1893 bis 1896 beschreibt. Außerdem bietet Neumayer III eine Videothek. Jeden Sonntagabend trifft sich das Team zum „Tatort-Gucken“ – die Station dürfte über eine der umfassendsten Sammlungen der Krimi-Serie verfügen. „500 Folgen werden das wohl sein“, schätzt Asseng. Und spätestens wenn der Vorspann über den Bildschirm flimmert, ist es am Ende der Welt nicht anders, als in vielen Wohnzimmern: während die Kommissare den Tätern hinterherjagen, legt die Forschergemeinschaft entspannt die Füße auf den Tisch.

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