Cloppenburg - Die bauchige Flasche, die Pfarrer Bernd Strickmann aus dem Schrank hervorzieht, ist nur noch spärlich gefüllt. Die durchsichtige Flüssigkeit sieht nach Messwein oder Weihwasser aus, oder? „Beides falsch. Das ist ein guter Pflaumenschnaps“, klärt Strickmann auf, bevor er sich und seinem Küster Jürgen Heckmann an diesem späten Nachmittag ein hochprozentiges Schlückchen einschenkt. „Aber für mich nur einen Halben, ich muss noch fahren“, sagt Küster Heckmann mit besorgtem Blick.

Keine Bange, beide sind nicht im Dienst. Strickmann und Heckmann sind extra in die katholische St.-Andreas-Kirche Cloppenburg gekommen, um für den zehnten Tag der NWZ -Serie „24 Türchen“ die große, schwere Holztür der Sakristei zu öffnen. Ein Ort, zu dem die Kirchenbesucher keinen Zutritt haben.

Die Sakristei ist in Kirchen ein Nebenraum, in dem alles aufbewahrt wird, was für den Gottesdienst benötigt wird, wie etwa liturgische Gewänder, Paramente, Kelche, Hostienschalen, Leuchter, liturgische Bücher, Hostien, Messwein und Kerzen. Im Besonderen dient die Sakristei Priestern, Diakonen, Lektoren und Ministranten als Vorbereitungs- und Umkleideraum. Betreut wird die Sakristei üblicherweise vom Küster, der darum manchmal auch Sakristan genannt wird.

Und hier ist der 48-jährige Jürgen Heckmann, der 2007 von Zimmermann auf Küster „umschulte“, voll in seinem Element. Bereitwillig zieht er jede große und kleine Schublade auf. Und da kommt so einiges zum Vorschein.

In einer besonders großen, dafür aber sehr flachen, werden beispielsweise die Hostien aufbewahrt, in deutlich kleineren die vielen Bestandteile der Kasel – also des priesterlichen Gewands. Und in diesem Falle hat auch noch jeder Pastor seine eignen Utensilien – mit Namensschildern versehen für jedermann sichtbar.

Um an die obersten Schränke zu kommen, muss sich Küster Heckmann schon auf Zehenspitzen stellen. Hier liegen Gegenstände, die nur einmal im Jahr im Dezember und Januar gebraucht werden: Maria mit dem Kind, Josef, die Hirten, Schafe und ein Hund bevölkern den einen Schrank, während sich der Rest der Truppe einen zweiten direkt daneben teilt. „Bald ist es wieder soweit“, frohlockt Heckmann mit Blick auf das bevorstehende Weihnachtsfest.

Und auch die moderne Technik hat in der Sakristei Einzug gehalten. Es gibt einen Laptop, auf dem direkt die Dienstpläne ankommen ... oder auch Nachrichten aus den Beerdigungshäusern mit Namen just Verstorbener. „Dann wissen wir sofort, für wen wir in der Messe beten dürfen“, klärt Strickmann auf. Und auch das Licht, die große Kirchturmuhr und die Glocken werden von der Sakristei aus gesteuert. Außerdem gibt es eine Anlage, mit der Messen aufgezeichnet werden.

Und die Sakristei ist auch das „Chemie-Labor“ der Messdiener. An der linken Seite der Eichentür zum eigentlichen Kirchenraum steht hinter dem Gong ein kleiner elektrischer Ofen, auf dem die Rauchfasskohle für das Weihrauchfass erhitzt wird. Der Grundstoff für den Weihrauch ist ein Harz, das überwiegend aus dem Jemen importiert wird. „Der Geruch ist so kräftig, damit haben wir auch die Pattex-Düfte wegbekommen, nachdem wir den Fußboden auf dem Orgelboden in St. Augustinus geklebt hatten“, sagt Küster Heckmann.

Und last but not least ist die Sakristei auch Aufbewahrungsort für Dinge, die nicht mehr benötigt werden, aber viel zu schade zum Wegwerfen sind – zum Beispiel die so genannten Bassgeigen.

Das sind keine Instrumente, sondern die alten Messgewänder, wie sie vor dem zweiten Vatikanischen Konzil getragen wurden. Erinnern irgendwie in Ausstattung und Farbgebung an Orientteppiche zum Anziehen.

Doch wofür ist denn nun der Pflaumenschnaps? „Den gibt es nur zu ganz besonderen Anlässen, etwa nach der Christmette oder den Ostergottesdiensten“, klärt Strickmann auf. In den Genuss kämen die Priester, die Lektoren, die Sänger und die Messdiener ... „die aber erst ab 18 Jahren“, wie Strickmann versichert.

Carsten Mensing
Carsten Mensing Redaktion Münsterland