Oldenburg - Es hätte so schön sein können: Sie liebt ihn, er liebt sie – Ende der Geschichte. So einfach ist es aber eben nicht. Es sind vor allem die unglücklichen Liebesgeschichten, die die Weltliteratur prägen. Eine, wenn nicht die berühmteste, ist jene von Romeo und Julia.
Shakespeares ist wohl die bekannteste Fassung dieses Stoffs. Mit ihr hat Vincenzo Bellinis Belcanto-Oper „I Capuletti e i Montecchi“, die Sonntagabend im Rahmen des Bremer Musikfestes am Oldenburgischen Staatstheater in konzertanter Form zur Aufführung kam, nur wenig gemein.
Felice Romani, Bellinis Librettist orientierte sich letztlich zwar an denselben Vorlagen wie Shakespeare. Abgesehen von Rahmen und Ausgang weichen beide Versionen aber deutlich voneinander ab, Romanis ist dabei weit weniger reich an Aktion. Blasser macht es Bellinis Werk keinesfalls. Dem Weniger an Handlung steht die Lebendigkeit der Musik gegenüber. Glänzende Strahlkraft entwickeln Sänger und Instrumentalisten unter Leitung Fabio Biondis. Sie machen den Konflikt der Veroneser Familien, zentriert um das berühmte Liebespaar, zu einer farbenreichen und klangmächtigen Story.
Biondi und das Ensemble Europa Galante schaffen einen durchsichtigen Orchesterklang, der durch klare Phrasierungen und Detailreichtum besticht. Einen stimmgewaltigen Familienkrieg liefert der Chor des Musikfestes (Einstudierung: Detlef Bratschke). Und das großartige Solistenensemble macht die konzertante Aufführung mit seinem stimmlichen und darstellerischen Einsatz zu einem Erlebnis.
Mit ihrem schillernden Sopran, den klaren Koloraturen und ihrem geschmeidigen Timbre begeistert die Sopranistin Valentina Farcas als Guilietta. Mit der Mezzosopranistin Vivica Genaux steht ihr ein ausdrucksstarker Romeo gegenüber. Genaux fasziniert mit markiger Tiefe und dramatischer Höhe.
Nicht weniger überzeugend zeigen sich Davide Giusti als Romeos Rivale Tebaldo mit flexiblem Tenor, sowie Fabrizio Beggi als Lorenzo und Ugo Guagliardo als Capellio. Gerade aber in den Lamenti des Liebespaares lassen Genaux und Farcas erkennen, was Bellini mit seiner Musik anvisierte: „Far piangere cantando“ – mit Gesang zum Weinen bringen. Schöner kann Unglück kaum klingen …
