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NWZonline.de Nachrichten Kultur

URAUFFÜHRUNG: Schwanengesang auf die DDR

19.03.2007

WILHELMSHAVEN Die Autorin ist in der DDR aufgewachsen. Die Inszenierung der Landesbühne Niedersachsen Nord überzeugt als treffende Gesellschaftsanalyse.

Von norbert Czyz WILHELMSHAVEN - Man belügt sich, betrügt sich, bespitzelt sich, besäuft sich. Sitzt in roten Sesseln, die auf Schienen laufen (Ausstattung: Frank Albert), umgeben von einer halbkreisförmig-hohen Mauer, in die Wendetüren eingelassen sind. Bei der erstbesten Gelegenheit wird die Flucht ergriffen. Am 9. November 1989, als die Mauer fällt, folgt der Exodus.

Die Potsdamer Familie Brackenstall und die Tarjans verlassen ihr sozialistisches Biotop, als hätten sie schon immer auf diesen Augenblick gewartet. Nur Carry (Dagmar Jesussek), das bucklige Mädchen, bleibt zurück und Mutter Brackenstall (Sibylle Hellmann), die – unheilbar erkrankt – an diesem Tag kraftlos in sich zusammensackt wie der ganze Staat der DDR.

Muskelschwund ist die Diagnose, nur eine von mehreren Metaphern, mit der die in der DDR aufgewachsene Autorin Katharina Gericke in ihrem neuen Stück „Buckliges Mädchen“ den Zustand dieser Gesellschaft beschreibt. Das Stück, das am Sonnabend von der Landesbühne Niedersachsen Nord im Wilhelmshavener Stadttheater uraufgeführt wurde, zeigt deren unaufhaltsamen Zerfall.

Für die Geschichte hat Gericke eine zwingende Dramaturgie gefunden. Die bevorstehende Hochzeit von Carry und Sewan (Oliver Schönfeld) ist die Verbindung zweier verschieden privilegierter Familien. Die einen sind Schmarotzer des Systems, die anderen ihre Stützen. Carrys Mutter (Vera Ducci) ist Filmschauspielerin und schläft mit jedem; ihre Großmutter, von Karin Wirz als Gisela May-Verschnitt gespielt, kauft im Westen; die Brackenstalls schützen die Grenzen und leben eher kärglich. Drumherum Abiturienten mit unterschiedlichen Ambitionen. Immo (Sebastian Stielke), einer von ihnen, will Parteistratege werden, der Lehrer, ein Stasi-Mitarbeiter (Stefan Ostertag), hat ihn dazu animiert. Zum Schluss ist er desillusioniert wie die anderen.

Zur Hochzeit, zu der es aus rein pragmatischen Gründen kommt, gibt es Schwan statt Kaninchen – die Schlusspointe der Metapher vom sterbenden Schwan, die die Inszenierung von Christof Meckel wie einen roten Faden durchzieht. Tragikomisch ist es, wenn Katrin Hilti und Stefan Naszay zur Musik aus Tschaikowskys „Schwanensee“ den klassischen Pas de deux persiflieren. Der Schwan stirbt hier nicht in Schönheit, sondern saft- und kraftlos. Parallel zum sterbenden Schwan verliert die Becher-Hymne, anfangs siegestrunken hinausposaunt und musikalisch das tragende Element, im Verlauf des Stückes ihre Konturen. Udo Becker hat sie bis zur Unkenntlichkeit gedehnt – eine pfiffige Idee.

Christof Meckel ist mit „Buckliges Mädchen“ eine Gesellschaftsanalyse gelungen, die, dank starker schauspielerischer Leistungen, sowohl inhaltliche als auch ästhetische Maßstäbe setzt. So homogen wie am Sonnabend hat man das Ensemble in den vergangenen Jahren selten erlebt. Die gähnende Langeweile einer bigotten und biederen Gesellschaft so plastisch und differenziert auf die Bühne zu bringen, ohne selbst auch nur für eine Sekunde zum Langweiler zu werden, das ist schon eine beachtliche Regie-Leistung.

Fazit: Katharina Gerickes „Buckliges Mädchen“ kennzeichnet die DDR treffend. Die Mängel und Verwerfungen, die sie beschreibt, hat die Inszenierung erfreulicherweise nicht.

KARTEN: 04421/94 01 15

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