Seefeld - Viola macht sich vor dem Spiegel ausgehfein. Die alleinstehende Frau bereitet sich auf das erste Treffen mit einem neuen Mann vor. Mehrfach zieht sie sich um. Sie ist nervös.
Nicole ist nicht nervös. Sie ist 42 und lebt mit Mann, drei Kindern und einem Kater in einem Reihenendhaus. Sie müsste so viel glücklicher sein als Viola. Aber ihr Leben ist in Routine erstarrt, die sie mit einem Putzfimmel aufpoliert.
Nathalie ist nicht mehr jung, aber offen und selbstbewusst. Gerade hat sie die Abschlussprüfung ihrer Fortbildung zur freien Handelsvertreterin bestanden. Und beim Mädelsabend mit Viola, Nicole und all den anderen verrät sie endlich, womit sie künftig handelt, nämlich mit Wellness- und Erotikprodukten. Nach dem ersten Schnaps reicht sie in der fröhlichen Runde Dildos, Vibratoren und Intimöle herum, „die dem Partner den Weg weisen – bis ganz nach unten.“
Einige Frauen sind begeistert und kaufen sogar spontan etwas, anderen fällt plötzlich ein, dass sie noch ganz dringend etwas erledigen müssen und verabschieden sich hektisch. Doch keine Frau bleibt unberührt von diesem Abend – und kann Mann. Und fast keine Beziehung.
SEX sells
„SEX“: So heißt das neue Stück der Theatergruppe der Seefelder Mühle, das am Freitagabend Premiere feierte. Sex ist nicht physisch zu sehen – auch weil er kaum noch praktiziert wird. Aber er ist da. In Fantasien, in Ängsten, in Worten, in Tabus. „SEX“ wird groß geschrieben – einen ganzen Theaterabend lang. Und „SEX“ sells: Es gibt nur noch Restkarten für die Aufführungen in der nächsten Woche.
Die Theaterpädagogin Heike Scharf, die die Gruppe seit 15 Jahren betreut und auch diesmal wieder Regie führt, hat das Stück in seinen Grundzügen entworfen, aber kein Textbuch geschrieben, denn die 14 Darsteller haben auch diesmal die Texte selbst entwickelt.
Das ist ein wichtiger Grund dafür, dass sie ihre Rollen so ernsthaft und glaubwürdig spielen, kurz: Dass Darsteller und Stück so vollkommen überzeugen. Niemand wird bloßgestellt, auch wenn die zweimal gezeigte Zu-Bett-geh-Szene eines Ehepaares wie ein Running Gag rüberkommt.
Alle Figuren sind liebevoll gezeichnet in ihrer Not, ihrer Frustration, ihrer Resignation, ihrer tiefen Verletztheit, aber auch ihrer Aufgeschlossenheit, ihrem zupackenden Optimismus, ihrer Erfahrungssättigung und ihrer vielleicht verwandelten, aber nicht erkalteten Liebe zu dem Menschen, zu dem sie vor Jahrzehnten ja gesagt haben.
Geständnis beim Skat
Es geht um sexuelle Routine, sexuelle Flaute, sexuelle Fantasien, ums Fremdgehen, um jahrelange Kontakte eines Ehemanns zu einer Prostituierten. „Wieso?“, fragt der seine Kumpels, die sich über dieses Geständnis beim Skat wundern, „was hat das denn mit meiner Frau zu tun?“ All diese Themen kommen plötzlich zu Sprache, weil Nathalie beim Mädelsabend ein paar Dildos herumgereicht hat.
In manches eingerostete Sexleben kommt wieder Bewegung, wenn vielleicht auch anders als früher. Aber nicht in jedes. Viola jedenfalls ist nun etwas weniger nervös, und Nicole lässt ihr bisheriges Leben mit Reihenendhaus und Putzfimmel hinter sich.
