Oldenburg - Horst Janssen ließ kaum etwas aus in seinem reichhaltigen Künstler- und Männerleben. Und nicht wenige Weggefährten und Bettgefährtinnen werden ihn dabei als Raubauz und groben Klotz erlebt haben. In seinen Werken war er aber oft ein hoffnungsloser Romantiker, der sich schwärmerisch in Details pfriemeln und selbstgefällig darüber verlieren konnte. Ein ganz neues Album schlägt nun das nach ihm benannte und seinem Lebenswerk gewidmete Museum in Oldenburg auf. Denn Janssen war auch leidenschaftlicher Fotograf.

Unzählige Abzüge in Schwarz-Weiß und bunte Polaroidfotos stehen bildhaft für eine weitere Neigung des vielfach talentierten Herrn Janssen. Einige seiner Fotos sind von nun an bis zum 24. September in der neuen Ausstellung zu sehen. Der überraschende Titel „I think the power of photography did hit Mr. Janssen“ schlägt sogleich die künstlerische Brücke zu Oliver Godow, 1968 in Lübeck geboren und Stipendiat des Museums. Der Profifotograf, dessen Eltern in Oldenburg leben, forscht und arbeitet neun Monate lang wissenschaftlich mit der finanziellen Unterstützung des Horst-Janssen-Museums und dessen Förderverein zum fotografischen Nachlass des Meisters.

Janssen war nicht nur Zeichner, Radierer und Literat, sondern auch zeitlebens von Fotografie fasziniert. Die letzte Ausstellung zum Thema liegt 20 Jahre zurück, dabei umfasst sein vielfältiges fotografisches Werk rund 3000 Fotos, heißt es, von denen ein Großteil unbesehen in Archiven in Hamburg und Oldenburg schlummert. Die von Oliver Godow gemeinsam mit Co-Kuratorin Sabine Siebel konzipierte Fotoschau „The Power of Photography“ zeigt den weltbekannten Zeichner und Grafiker nun als begeisterten Fotokünstler und präsentiert bekannte, aber auch noch völlig unbekannte Fotoarbeiten.

Der künstlerische Ansatz scheint derselbe, wobei sich Technik und Timing unterscheiden. „Mit der Kamera konnte Janssen unmittelbar seine Bildempfindung festhalten, die deckungsgleich mit seinem Blick, seiner Intention und seinem Seelenzustand war. Die Kamera war schnell wie sein Auge und dabei schneller als sein Strich“, erläutert Godow.

Entsprechend intensiv und begeistert nutzte Horst Janssen die Möglichkeiten der Fotografie. Er nahm seine Leica, die Rolleiflex, später die Polaroidkamera meist spontan zur Hand, fotografierte aber auch mit großer Ernsthaftigkeit. Es finden sich Fotos all seiner Sujets: Landschaften, seine alltägliche Umgebung, Stillleben, Porträts seiner Geliebten und - natürlich - Selbstbildnisse (heutzutage wäre Janssen mit Selfies bei Instagram omnipräsent). Besonders hatte es ihm die Polaroid als zeitgenössische Kulturtechnik angetan, die früher ähnlich spontane Bilderlebnisse ermöglichte wie uns die digitale Smartphone-Fotografie. In Anlehnung an die Kodak Instamatic und an Polaroid-Kameras hatten über Instagram geteilte Fotos ursprünglich eine quadratische Form.

Zur Museumssammlung gehören viele Schwarzweißfotos aus den 1970ern, aber auch viele farbige Polaroids aus den 1980ern. Sie werden in der Ausstellung durch Leihgaben aus der Galerie St. Gertrude und Fotorepros aus der Kunsthalle Hamburg ergänzt. Zudem konnte, dank des Engagements der Co-Kuratorin Sabine Siebel, erstmals der Foto-Nachlass von Janssens Freund, dem Hamburger Fotografen Volker Eckhoff, einbezogen werden. Mit hoher Expertise, aber auch mit subjektivem Blick hat der Künstlerfotograf Oliver Godow daraus eine spannende und sehenswerte Ausstellung kuratiert, die zeigt, wie komplex und hochemotional Janssens Foto-Œuvre ist und welch zeitgemäßem Denkansatz es aus heutiger Perspektive folgt. Oder, wie Godow sagt: „Komplett Retro und trotzdem Now!“

Wissenswertes

An diesem Sonntag, 21. Mai, ist Internationaler Museumstag. Bereits zum 46. Mal laden Museen weltweit dazu ein, ihre vielfältigen Ausstellungen zu entdecken. Im Horst-Janssen-Museum sind zwei Ausstellungen zu sehen, es werden verschiedene Führungen und eine Mitmachaktion angeboten. Das Museum in Oldenburg, Am Stadtmuseum 4-8, hat von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.

Mehr unter www.horst-janssen-museum.de

Oliver Schulz
Oliver Schulz Redaktion Kultur/Medien (Ltg.)