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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Sein Leben auf den Barrikaden

31.03.2016

Berlin Schon mit seinem Debüt sorgte Rolf Hochhuth für einen Skandal. Das Schauspiel „Der Stellvertreter“, in dem er der Kirche eine Mitschuld am Holocaust gibt, wurde zum Welterfolg. Bis heute begründet es den Ruf des Autors. Er gilt als einer der wichtigsten, aber auch umstrittensten deutschen Dramatiker der Nachkriegszeit. Am Freitag (1. April) wird der in Berlin lebende Hochhuth 85 - und hat nur wenig von seiner notorischen Kampfeslust verloren.

Zum Geburtstag ist eine Biografie erschienen, in der die langjährige „Stern“-Autorin Birgit Lahann den Lebensweg des gebürtigen Hessen im Gespräch mit ihm dicht, unterhaltsam und keineswegs unkritisch nachzeichnet. „... das Bild vom Wüterich und Streithammel hat mit den Jahren für viele das Bild vom großen Aufklärer und politischen Störenfried überwuchert“, heißt es gleich zu Beginn treffend.

Anfangs, das ist die Zeit des „Stellvertreters“. Am 1. April 1931 als Sohn eines Schuhfabrikanten im hessischen Eschwege geboren und unter dem NS-Regime aufgewachsen, wird die dunkelste deutsche Vergangenheit sein bestimmendes Lebensthema. „Der Holocaust kann nie vergeben und vergessen werden“, sagt er. „Ich bin sicher, wir werden für diese ungeheuere Schuld noch büßen.“

Er ist 26, als er sein berühmtes „christliches Trauerspiel“ zu Papier bringt. Nach jahrelangen Widerständen wird es 1963 von Avantgard-Regisseur Erwin Piscator an der Berliner Freien Volksbühne uraufgeführt - und löst einen Sturm der Entrüstung aus. In einer Zeit, in der die Deutschen ihre Geschichte am liebsten noch verdrängen und totschweigen, sind vor allem kirchlich-konservative Kreise empört. Inzwischen wurde das Drama in 25 Ländern gespielt, das Taschenbuch verkaufte sich mehr als zwei Millionen Mal. 2001 kam der gleichnamige Film von Constantin Costa-Gavras ins Kino.

Auch in späteren Stücken wie „Soldaten“, „Unbefleckte Empfängnis“ oder „McKinsey kommt“ hat der Wutbürger immer wieder entschieden zu gesellschaftspolitischen Themen Stellung bezogen. Typisch blieb für alle Dramen die umfangreiche Recherche, die ihn zu einem wichtigen Vertreter des dokumentarischen Theaters machte. Kritiker sprachen allerdings auch von „Studienratstheater der penetranten Art.“

Als rotes Tuch galt Hochhuth vor allem den Konservativen. Seine Recherchen zu dem Stück „Juristen“ über die Rolle früherer Nazi-Richter in der Bundesrepublik führten 1978 zum Rücktritt des damaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten und früheren Marine-Richters Hans Filbinger. Der ehemalige Bundeskanzler Ludwig Erhard (CDU) verglich den Autor mit einem „ganz kleinen Pinscher“, CSU-Chef Franz Josef Strauß zählte ihn zu den „Ratten und Schmeißfliegen“.

Die großen Bühnen ließen den Dramatiker in den letzten Jahren zunehmend links liegen. Jüngere Stücke wie „Heil Hitler“ (2007) oder „Neun Nonnen fliehen“ (2013) mussten in kleinere Häuser ausweichen.

Dafür machte Hochhuth immer wieder mit teils bizarren Auftritten auf sich aufmerksam - etwa mit seinen später wieder zurückgenommenen Lobeshymnen auf den britischen Historiker und Holocaust-Leugner David Irving. Oder mit seinem Austritt bei der Berliner Akademie der Künste wegen eines Israel-kritischen Gedichts von Günter Grass. Unumstritten ist dagegen sein Einsatz für das Denkmal zur Erinnerung an den Hitler-Attentäter Johann Georg Elser in Berlin.

Auch privat geht der Herr mit dem schlohweißen Haar und dem lässig umgelegten Jackett keinem Streit aus dem Weg: Mit den Nutzern des Bertolt-Brecht-Theaters am Schiffbauerdamm („Berliner Ensemble“), das ihm über eine Stiftung gehört, liegt er im Dauerclinch. Und selbst mit den eigenen Söhnen redet er nicht - „weil sie nicht mit mir reden“, wie er bei der Vorstellung seiner Lebensgeschichte „Hochhuth. Der Störenfried“ auf der Leipziger Buchmesse sagte.

Nur die Frauen scheinen eine Dauerfreude in Hochhuths Leben. Vier Mal war er verheiratet, dazwischen gab es noch einiges andere. Und bis heute ist nach Auskunft seiner Biografin ein Schwarm „schöner junger Damen“ in seiner Wohnung in Berlin-Mitte mit Tippen, Mailen und anderen Handreichungen beschäftigt.

Als eine Art eigene Lebensbilanz ist zum Geburtstag nach zahlreichen Essay- und Gedichtbänden „Das Grundbuch“ mit 365 Sieben- bis Zwölfzeilern erschienen. In bisweilen etwas holprigen Versen geht es um Politik und Geschichte, Pen und Penis, Frauen und Venushügel - aber immer wieder fast anrührend auch ums Altwerden: „Nie wie jetzt empfand ich: Vorbei! Niedergekämpft, nicht sehr viel gewonnen. Hoffnungen ohnehin gedämpft - jetzt meist zerronnen.“

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