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Serie Vom Kommunisten zum Kabarettisten

Marius Meyer
OLDENBURG - Farhad Faseli ist ein humorvoller Mensch. Im Gespräch mit der

NWZ

  lacht er immer wieder; der 55-Jährige tritt als Kabarettist auf und veranstaltet Lachtreffs. Sein häufigstes Thema dabei ist das Miteinander der Menschen aus verschiedenen Kulturen, die Integration. Er tritt dabei als „Deuraner“ auf, innen Deutscher, außen Iraner. Sein Kabarett richtet sich aber vor allem an Deutsche. „Iraner“, erklärt Faseli, „haben eine andere Humor-Mentalität. Man erzählt fünf bis zehn Sekunden, dann wird gelacht, dann muss die Pointe kommen.“ Iraner seien Kabarett nicht gewohnt, das Zwischen-den-Zeilen-Lesen, das Analysieren von Aussagen.“

Buchautor

Faseli hat auch drei Bücher geschrieben, eines behandelt seinen Weg nach Deutschland, denn lustig war es in Faselis Leben nicht immer.

Dezember 1983: Faseli flüchtet mit seiner Frau Mahbubeh aus seinem Heimatland Iran in die Sowjetunion, fünf Jahre später reist er über die DDR nach Westberlin, beantragt dort politisches Asyl. 1991 kommt er schließlich nach Oldenburg.

Im Iran war der Student der Agrarwissenschaft ab 1977 Mitglied der kommunistischen Fedayan. Diese bewaffnete Gruppe kämpfte gegen das Regime des Schahs. Faseli: „Ich habe mehrere Jahre lang eine Pistole, eine deutsche Walther P4, getragen.“ Diese habe er aber nicht eingesetzt. Zu der Zeit hätte sich bei den Fedayan bereits die Erkenntnis durchgesetzt, in einer Gewalt-Eskalation gegen das Schah-Regime nur verlieren zu können. Faseli sagt, dass er nur in den Tagen vor dem Sturz des Schahs 1979 an Gewalt beteiligt war. Er habe damals aber nicht seine Schusswaffe gebraucht, sondern Molotov-Cocktails geworfen.

Verfolgung im Iran

Die Fedayan, die heute eine sozialdemokratische Partei bilden, deren Hauptquartier sich in Köln befindet, sind nicht religiös. Dennoch beschließt die Gruppe nach der Machtübernahme durch den Ruhollah Chomeini, den bewaffneten Kampf zu beenden. Sie akzeptierte die Regierung des schiitischen Großayatollahs als antiimperialistisch. Dennoch werden ihre Mitglieder als Ungläubige durch das Regime verfolgt. Als „Gottloser“ darf Faseli nicht mehr die Universität besuchen.

1981 wird Farhad Faseli ins Gefängnis geworfen. Diese Erfahrung teilt er – mit Ausnahme seiner Mutter – mit allen Mitgliedern seiner Familie. Die Haft dauert zwar nur zwei Wochen, aber diese Zeit ist schwer zu ertragen. „Am schlimmsten war die Ungewissheit“, erinnert Faseli sich. „Ich wusste nicht: Werde ich freigelassen oder erschossen? Jeder konnte entscheiden, was mit mir passiert.“

Heikler Auftrag

Er kommt schließlich frei. Die Fedayan einigen sich mit dem islamistischen Regime, die Waffen abzugeben. In jeder Stadt sammelt ein Gruppenmitglied die Waffen ein und gib sie ab. In seiner Heimatstadt Astara, am Kaspischen Meer gelegen, ist es Faseli, der diese Aufgabe übernimmt. Sie ist gefährlich. Faseli: „In manchen Städten sind die Personen, die die Waffen abgegeben haben, verschwunden.“ Für Faseli geht es gut. Doch dieses Ereignis ist der Grund, warum er sich nicht traut, wieder in den Iran zu reisen. „Es steht in meinen Akten, dass ich illegal Waffen besessen habe“, sagt er. Er fürchtet, er könnte deswegen bei der Einreise in das Land, in dem er aufgewachsen ist, verhaftet werden.

Neue Heimat

Deutschland wird für den Flüchtling eine neue Heimat. Und vor „zwölf oder 13 Jahren“ bekam er die deutsche Staatsbürgerschaft. Sehnsucht nach dem Iran habe er nicht, versichert er. Schlechte Erfahrungen habe er hier kaum gemacht, immer hat er Arbeit gefunden. Beispielsweise als Busfahrer für die A-Jugend von Essen-Kray. In Oldenburg startete er vor 18 Jahren in der Großküche von Monse, bevor er erst am Babenend und dann am Melkbrink einen Kiosk betrieb.

Kabarett über Integration

Als Kabarettist nimmt Farhad Faseli auch das Anspruchsdenken mancher Einwanderer aufs Korn. Er sagt: „Ich halte viele Sachen in Deutschland zwar für kritikwürdig, aber die Migranten müssten sich für ihre Integration mehr anstrengen, und nicht die Deutschen.“ Wer versuche, aus Deutschland nur eine Kopie des Heimatlandes zu machen, müsse sich mal überlegen, dass es auch dort nicht perfekt gewesen sein könne. „Sonst hätte er sein Heimatland ja nicht verlassen.“

 @ Spezial:  

http://www.NWZonline.de/integration-oldenburg

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