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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Manuskript: Shakespeare wörtlich genommen

21.10.2016

München Ein simpler Satz, ganz schlicht, aber er könnte die Welt verändern, wenn ihn jeder beherzigen würde: „Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden möchtest“. Oder in Shakespeares Worten ausgedrückt, der sie einem geraden besänftigten Londoner Lynch­mob in den Mund gelegt hat: „Let’s do as we may be done by.“

Der Satz steht in einem bruchstückhaften Arbeitsmanuskript für ein Stück über den englischen Humanisten Thomas Morus (1478–1535), das zwischen 1595 und 1600 in London von vier Autoren verfasst wurde – darunter William Shakespeare (1564–1616). Ein damals übliches, zeitsparendes Verfahren. „Die Autoren bauten die Stücke zusammen wie heutzutage die Drehbuchautoren-Teams die Fernsehsoaps“, kommentiert der renommierte Shakespeare-Übersetzer Frank Günther.

Mit Ausnahme von fünf Unterschriften ist die Szene, die Shakespeare beisteuerte – drei Folio-Seiten – das einzige handschriftliche Zeugnis, das von ihm erhalten ist. Seine Urheberschaft sei jüngst nach einem langen Prozess und dank moderner elektronischer Verfahren bestätigt werden, erläutert Günther. Die Wahrscheinlichkeit werde mit 99,3 Prozent beziffert.

Politischer und historischer Hintergrund des Stückes waren die Aufstände von 1517 und 1595, bei denen Londoner Bürger gegen Flüchtlinge aus Frankreich und Flandern hetzten, die zu Tausenden kamen. Die meisten waren Hugenotten, die aus dem katholischen Frankreich ins protestantische England flohen. Im Stück bringt Londons Unter­sheriff Thomas Morus die Rebellen mit einer großen Rede zur Vernunft.

Zur Aufführung kam das Stück damals nicht. Und vermutlich würde sich heute niemand mehr dafür interessieren, wenn ihm zum 400. Todestag des Dichters nicht plötzlich eine unerwartete Relevanz zugefallen wäre. Nachdem den handschriftlichen Seiten von der British Library in London der „Authentizitätsstempel“ aufgedrückt worden war und angesichts der aktuellen Flüchtlingskrise, galt die Empathie­rede von Morus/Shakespeare weltweit als Plädoyer für Menschlichkeit und Mitgefühl, als „Weckruf aus einer anderen Zeit“.

Der britische TV-Sender BBC2 machte im März diesen Jahres den Anfang und sendete im Kontext des Brüsseler Flüchtlingsgipfels in den Spätnachrichten kommentarlos eine Rezitation aus der Morus-Rede. Danach folgten Schlagzeilen wie „Hört auf den englischen Barden!“ (Schweizer Tageszeitung) oder „Shakespeare reicht’s mit Flüchtlingshetze“ (Österreichischer ORF/online).

Nachzulesen ist diese kuriose Geschichte in einem spannenden, mit 6 Euro ungemein günstigen Büchlein, das von Frank Günther herausgegeben wurde. Der 69-Jährige hat den Shakespeare-Text selbst übersetzt, stellt Zusammenhänge her und rückt manches zurecht. Der Großteil der Morus-Rede betreffe gar nicht die Flüchtlinge, sondern die aufrührerischen Untertanen des Königs, die zur Räson gebracht werden sollten. Und den Dichter mit einer Dramenfigur gleichzusetzen, sei ein häufiges Missverständnis: „Man weiß nie, was Shakespeare gemeint hat. Man kann alles mit ihm beweisen und exakt auch das Gegenteil“, sagt Günther.

Dennoch war es nicht die schlechteste Idee, Shakespeare in diesem Fall beim Wort zu nehmen und einen Spruch zu wiederholen, den es in Abwandlungen überall auf der Welt gibt – die Goldene Regel als Grundlage aller Ethik, ein Satz, ganz schlicht.

Regina Jerichow Redakteurin (Ltg.) / Kulturredaktion
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